Feinstaubalarme helfen nicht – Was nun?

Innerhalb der so genannten Feinstaubsaison, dem Zeitraum vom 15. Oktober bis zum 15. April, kann die Stadt Stuttgart einen sogenannten Feinstaubalarm ausrufen, falls die Wetterprognose eine Inversionswetterlage ankündigt, in welcher der Luftaustausch stark eingeschränkt ist. Der Feinstaub sammelt sich dann im Talkessel und lässt die gemessenen Werte teilweise weit über die definierten Grenzwerte hinaus ansteigen. In der jetzt am 15. April 2017 abgelaufenen Alarmperiode gab es 85 Tage mit Feinstaubalarm, dies entspricht rund der Hälfte des gesamten Zeitraums.

Ein Deckel aus Feinstaub wabert über Stuttgart

Ein Deckel aus Feinstaub wabert über der Stadt (Blick von Leinfelden in Richtung Stuttgart)

An Tagen mit Feinstaubalarm wurden die Einwohner, Pendler und Besucher gebeten, vom privaten PKW auf öffentliche Verkehrsmittel wie Busse und vor allem Bahnen umzusteigen. Fahrverbote gab es bislang nicht. Im VVS galt dann die Regelung, dass Erwachsene an solchen Tagen im ganzen VVS-Netz etwa zum halben Preis mit einem Kinderticket fahren durften. Diese zunächst nur für Einzeltickets geltende Regelung wurde nach Protesten schließlich auch auf 4-er-Tickets ausgeweitet. Darüber hinaus gab es keine Vergünstigungen.

Wer sein Ticket online mit der VVS App kaufte, war fein raus, da ihm an Tagen mit Feinstaubalarm automatisch nur der Kinderfahrpreis berechnet wurde. Wer jedoch seinen Fahrschein an einem Ticketautomaten der SSB oder DB kaufte, musste sich hingegen selbst informieren, ob gerade Feinstaubalarm bestand und das Kinderticket von Erwachsenen benutzt werden durfte. Dass das auf manchen Webseiten eingebaute, offizielle Feinstaubalarm-Widget schon von grün auf orange wechselte, wenn ein Feinstaubalarm nur angekündigt war, machte die Sache für Automatennutzer nicht gerade einfacher. Manche große Firma (insbesondere Automobilhersteller und Zulieferer) bot Ihren Mitarbeitern an Tagen mit Feinstaubalarm sogar kostenlose Fahrten mit den Verkehrsmitteln des VVS an. Hier galt der Firmenausweis auf dem Weg zur bzw. von der Arbeit als Fahrkarte. Einfacher und günstiger ging es nicht.

Die ernüchternde Zwischenbilanz an dieser Stelle lautet: Man hat, wenn überhaupt, in nur geringfügigem Umfang eine Verkehrsreduzierung erreicht. Dadurch wurden auch an vielen Tagen des Feinstaubalarms überhöhte Werte gemessen. Der Alarm hat also nicht einmal den Minimalerfolg erzielt, die Spitzen der gemessenen Feinstaubwerte markant zu reduzieren. Aktuell zeichnet sich ab, dass ab dem Jahr 2018 mit Fahr- oder Einfahrtverboten zu rechnen ist. Dies wird politisch weithin kritisiert. Konkrete, nachhaltige und erfolgversprechende Alternativen werden aber nicht formuliert, allenfalls gibt es eher groteske Vorschläge, die Mess-Stationen zu überdachen oder über jeder stark frequentierten Straßenkreuzung Sprinkleranlagen zu installieren. Eine nachhaltige Verkehrswende in der vom Automobil geprägten Stadt Stuttgart erscheint unerreichbar.

Jedoch – gleichgültig, ob weitere Appelle oder Fahrverbote auf uns zukommen – ist es nicht verzichtbar, sich im VVS-Tarif Regelungen zu überlegen, wie der Umstieg vom Auto auf die Bahn von den Fahrpreisen her attraktiver gemacht werden kann. Bisher wurden durch den Kindertarif nur die Gelegenheitsnutzer zum Umsteigen motiviert. Man hat dadurch Bewohner des Umlands sogar animiert, den günstigeren Fahrpreis zu nutzen, auch mal wieder (billiger) nach Stuttgart zu fahren. Die Inhaber von Monats- oder Jahrestickets, die schon heute und überwiegend jeden Tag Bus oder Bahn fahren und teilweise sogar ganz aufs Auto verzichten, hat man dagegen vergessen. Da fragt sich doch, ob man diejenigen, die bereits heute helfen, noch höhere Schadstoffwerte zu vermeiden, womöglich noch zum Abschied vom Monats- oder Jahresticket motivieren will, weil man ja durch Feinstaubalarm von Herbst bis Frühjahr ohnehin die Hälfte der Zeit zum Kindertarif fahren kann? Nein, es muss schon im Ansatz vermieden werden, dass sich die ÖPNV-Nutzer in Profiteure und Verlierer unterteilt fühlen könnten.

Schon seit langer Zeit ist die Diskussion über günstigere VVS-Tarife und eine verbesserte und vereinfachte Einteilung der VVS-Tarifzonen im Gange. Genau die Frage nach tariflichen Anreizen für einen Umstieg auf den ÖPNV sollte dieser Diskussion kurzfristig neuen Schub geben. Wenn man bei Feinstaubalarm im VVS netzweit den Kindertarif verordnen und die diesbezüglichen Fahrgeldausfälle finanzieren kann, warum sollte man dann nicht gleich im Rahmen einer gesamthaften Tarifreform die Tarife markant reduzieren? Sie haben richtig gelesen: „reduzieren“! Damit würde zum einen die Diskussion vermieden, wer von den feinstaubbezogenen tariflichen Sonderregelungen bevorteilt oder benachteiligt sein könnte. Zum anderen würde selbst bei Fahrverboten dem Argument definitiv die Grundlage entzogen, die Pendler würden mit unnötig hohen Kosten für die Fahrt zur Arbeit belastet.

Und mit dieser Diskussion eilt es! Die nächste Feinstaubperiode beginnt schon in gut fünf Monaten, Fahrverbote könnte es schon in knapp acht Monaten geben.

Ein Gedanke zu „Feinstaubalarme helfen nicht – Was nun?

  1. Stefan Urbat

    Leider scheint man im VVS unbelehrbar, auch wenn die VVS-interne Diskussion noch nicht abgeschlossen ist, liegt der Kurs auf eine allgemeine Fahrpreiserhöhung von über 2% schon wieder an und zumindest in der LHS ist die Mehrheit im Gemeinderat bzw. der Aufsichtsräte von SSB und VVS nicht gewillt, davon abzurücken. Allerdings war schon beim letzten Mal in dem ein oder anderen Landkreis die Mehrheit für die Erhöhung derart am Wackeln, dass mit einem Umkippen des ein oder anderen Kreistags (v.a. Böblingen) zu rechnen ist. Zwar können diese die Erhöhung nicht verhindern, aber deutlicher kann das Missfallen kaum mehr werden.

    Der Trend geht übrigens zur Streichung des vergünstigten Feinstaubtickets (Kinderticket) wegen Erfolglosigkeit. Aber ein massiver Ausbau des ÖPNV ist noch immer nicht in Sicht, obwohl dieser Jahre dauert…

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