Umleitung der S-Bahn beim Ausfall der Stammstrecke

Umfahrung für S-Bahn wird gekappt

… lautet ein Artikel des StZ/StN-Redakteurs Konstantin Schwarz, der am 8.11.2016 zeitgleich in den Online-Ausgaben von StZ und StN erschien und den wir hier kommentieren möchten.

Man hätte den Artikel auch mit Stuttgart 21 wirft seine Schatten voraus überschreiben oder zumindest mit diesem Untertitel versehen können.

So ist zu lesen:

Rund ein halbes Jahr vor der Inbetriebnahme des Durchgangsbahnhofs wird die Bahn AG die bisherigen Gleise der S-Bahn an die neue Haltestelle Mittnachtstraße anschließen.

Bauarbeiten an der zukünftigen Haltestelle Mittnachtstraße

Bauarbeiten an der zukünftigen Haltestelle Mittnachtstraße

Der Anschluss des neuen S-Bahn-Haltepunkts Mittnachtstraße an die bisherigen Gleise wird auf Grund der engen Platzverhältnisse in der Ein-/Ausfahrt zu und von der Stammstrecke vermutlich eine länger dauernde Gleissperrung einzelner Ein-/Ausfahrtsgleise verursachen. Dies wird bei der Zugfolge von 2,5 min selbst bei geringen Verspätungen einzelner Züge mit Sicherheit zu erheblichen Verspätungen und Zugausfällen im gesamten S-Bahn-Netz führen.

Für diesen Anschluss muss die Gleisrampe der Gäubahn zwischen Gleisvorfeld und dem Viadukt beim Nordbahnhof unterbrochen und teilweise abgetragen werden. Ab diesem Zeitpunkt kann von der Gäubahn-Panoramastrecke kein Zug mehr den bestehenden Kopfbahnhof auf direktem Wege erreichen. Auch die Zufahrt der S-Bahn zum Kopfbahnhof ist dann nicht mehr möglich. Uns sind keine Pläne von S21 bekannt, dass diese Zufahrt bis zur geplanten Aufgabe des Kopfbahnhofs übergangsweise erhalten bleiben soll. Damit ist das bisherige Notfallkonzept für den (leider häufigen) Fall einer Sperrung der Stammstrecke nicht mehr fahrbar: Die heute im Notfall praktizierte Umleitung der S1 und der S2 zwischen Bad Cannstatt und Stgt-Vaihingen über Stuttgart Hbf oben und die Panoramastrecke geht nicht mehr. Nur die Züge der S4, S5 und S6/60 könnten über eine eingleisige und derzeit etwas abenteuerliche Gleisverbindungskurve von Stgt-Feuerbach aus die Panoramastrecke erreichen. Diese Züge hätten aber genau genommen dort nichts zu suchen, weil sie Schwabstraße zum Ziel haben.

Der Redakteur des Zeitungsartikels schreibt weiter:

Die bei Stuttgart 21 entstehenden Tunnel vom Hauptbahnhof zum Flughafen gelten bei Störungen in den innerstädtischen S-Bahn-Röhren künftig als neue Umfahrungsstrecke.

Genau das sehen beide Varianten für das zukünftige S-Bahn-Notfallkonzept der Bahn vor. Nur sind zum Zeitpunkt der Unterbrechung der Gleisrampe der Gäubahnstrecke beim Nordbahnhof weder der Tiefbahnhof, noch der Tunnel auf die Fildern fertig. Und der Zeitpunkt der Fertigstellung ist derzeit noch nicht seriös vorherzusagen, auch wenn die DB-Spitze nicht müde wird zu behaupten, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits Ende 2021 die ersten Züge durch den Durchgangsbahnhof fahren werden. Überdies ist der S21-Tiefbahnhof mit seinen nur 8 Gleisen an sich schon von Überlastung bedroht, so dass aus bahnbetrieblicher Sicht die Durchfahrt zusätzlicher S-Bahnzüge ohnehin realitätsfern erscheint.

Noch weniger vorhersehbar ist die Fertigstellung des für den Notfallbetrieb erforderlichen Streckenabschnitts auf den Fildern: Für den Planfeststellungsabschnitt 1.3b (Rohrer Kurve bis Flughafen-Terminalbahnhof einschließlich dem 2015 verabschiedeten Kompromiss „Drittes Gleis“) ist die Planfeststellung noch nicht einmal beantragt!

Der Anschluss der Station Mittnachtstraße an die bestehenden und zukünftigen S-Bahngleise, damit also auch der Kappung die Panoramastrecke soll rund ein halbes Jahr vor Inbetriebnahme des Durchgangsbahnhofs stattfinden. Wenn die für den Notfallbetrieb erforderlichen Streckenteile von S21 erst 2023 oder 2024 komplett fertiggestellt sein sollten – früher ist wenig wahrscheinlich -, müsste die S-Bahn im Minimum drei Jahre ohne funktionsfähiges Notfallkonzept auskommen.

Das Szenario ist allen Projektbeteiligten bestens bekannt.

Es ist allerdings zu befürchten, dass die wenigsten, von einem Ausfall der Stammstrecke betroffenen Pendler diese Aussichten und die unseres Erachtens ziemlich unausgegorenen Überlegungen der Bahn und der übrigen Projektbeteiligten kennen. Die Überraschung und der Frust werden groß sein, wenn den Fahrgästen eines vollbesetzten S-Bahn-Langzuges in Bad Cannstatt empfohlen wird, auf die Stadtbahn oder Stadtbusse umzusteigen,

Die Grünen im Stuttgarter Gemeinderat sagen, es müsse eine Lösung geben, mit der die Gäubahn auch an den zukünftigen Hauptbahnhof angeschlossen bleibe. Auch der VCD ist dafür und selbst die Stuttgarter Straßenbahnen haben einen diesbezüglichen Vorschlag aufgegriffen. Wir schließen uns an. Endlich scheint sich die Einsicht durchzusetzen, dass es ohne eine praktikable Umleitungsstrecke und Entlastung der Stammstrecke schlichtweg nicht geht. Nicht unerwartet kommen jetzt auch wieder Überlegungen zur Realisierung der T-Spange und P-Option beim Nordbahnhof bis hin zu einem Nordkreuz hoch, und damit auch implizit die Forderung nach noch mehr Geld, in diesem Fall für wirklich bedeutsame Investitionen. Die Methoden ‚Augen zu und durch‘ oder ‚Das sehen-wir-dann‘ waren offenbar doch nicht die Lösung. Wahrlich kein Ruhmesblatt, dass diese Einsicht erst jetzt Raum greift.

Ergänzung zum Fern- und Regionalverkehr aus dem Gäu:

Die Regional- und Fernzüge aus dem Süden (Zürich, Singen, Horb, Freudenstadt usw.) müssen vor der Fertigstellung von S21 entweder in Stuttgart-Vaihingen enden (daher auch die Überlegungen zum – zumindest temporären – Regionalbahnhof Vaihingen) oder müssen über die Panoramastrecke in Richtung Ludwigsburg oder von Böblingen über die Ranktalbahn nach Renningen und weiter dem Verlauf der Württ. Schwarzwaldbahn (S6/S60-Strecke) über Zuffenhausen fahren. Diese Strecke ist allerdings ziemlich mit Güterzügen belastet und bietet nicht unendlich viele zusätzlichen Trassen. Ob diese Alternativen im Sinne der Pendler aus dem Gäu und dem Geist des Staatsvertrags mit der Schweiz (Fahrtzeitverkürzung zwischen Zürich und Stuttgart über die Gäubahn)  entsprechen, darf bezweifelt werden. Der entsprechende Planfeststellungsbeschluss aus dem Jahr 2005 sieht für Fernzüge die Umleitung von Böblingen über Renningen, Leonberg, Zuffenhausen nach Stuttgart Hauptbahnhof und für Regionalzüge eine Wende in Vaihingen vor.

5 Gedanken zu „Umleitung der S-Bahn beim Ausfall der Stammstrecke

  1. Daniel Zeller

    Sehr geehrtes Team von S-Bahn-Chaos.de,
    bei der Lektüre des obigen Kommentars tut sich mir immer wieder folgende Frage auf:
    In dem Kommentar (und auch im entsprechenden Artikel) ist zu lesen, dass kein Zug mehr aus Richtung Stuttgart West den Kopfbahnhof erreichen kann. Nun fährt ja neben der S Bahn (bei Stammstreckensperrung) auch die Gäubahn über die Panoramastrecke. Nach der Fertigstellung des neuen Tiefbahnhofs und der entsprechenden Verbindung zum Flughafen soll diese ja über den Flughafen den neuen Tiefbahnhof erreichen. Da die Fertigstellung der neuen Strecke über den Flughafen erst 0,5 + x Jahre später folgt, frage ich mich wie die Gäubahn Stuttgart in dieser Zeit erreichen soll. Die alte Strecke ist gekappt und die neue ist noch nicht fertig.

    Freundliche Grüße
    Daniel Zeller

    Antworten
    1. Ulli Fetzer Beitragsautor

      Sehr geehrter Herr Zeller,
      beachten Sie bitte die Ergänzung am Schluss des Beitrags.

      Mit freundlichen Grüßen
      Ulli Fetzer
      vom S-Bahn-Chaos.de-Team

      Antworten
  2. Hosea Winter

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    Vielen Dank für diesen Artikel mit den Informationen zum Notfallkonzept der S-Bahn bei S21.
    Ich, als Schüler des Eberhard-Ludwigs-Gymnasiums, benutze die S-Bahn auch mehrmals täglich und weiß, wie wichtig die Gäubahn für die Stammstrecke ist.

    Wie gedenkt die DB das S-Bahn-Desaster mit dem Nadelöhr Stammstrecke ohne die Gäubahn zu lösen?
    Es scheint mir sehr fraglich, ob nach der Fertigstellung von S21 vor allem in der HVZ S-Bahnen im Störungsfall über den so wie so schon kleineren Tunnelbahnhof als jetzt über den Flughafen nach Vaihingen/Herrenberg fahren können.
    Gilt die Strecke zwischen S-Flughafen und S-Rohr nicht als ein zukünftiges Nadelöhr?

    Ist die Möglichkeit des Linientausches der S1-S3 mit der S4-S6 noch im Gespräch?
    Würde hier die Umleitung noch möglich sein?

    Was ist unter der T- und der P-Spange zu verstehen?

    Mit freundlich Grüßen,
    Hosea Winter

    Antworten
    1. Ulli Fetzer Beitragsautor

      Sehr geehrter Herr Winter,
      die Fernverkehrs-affine Bahnspitze braucht nach ihrem eigenen Bekunden die Gäubahn nicht und verweist in diesem Zusammenhang immer wieder auf die Zuständigkeit des Landes Baden-Württemberg, der Region und der Stadt Stuttgart. Wenn diese die Gäübahn erhalten wollen, sollen sie dafür bezahlen. Außerdem gehört die Panoramastrecke der Stadt Stuttgart und sie sollte sich endlich einmal konkret äußern, was sie eigentlich in Zukunft damit machen will. Als Infrastrukturunternehmen wird sie ja wohl kaum auftreten wollen.
      Die Strecke zwischen Rohr und S-Flughafen wird zukünftig durch den Mischverkehr von S-Bahnen, Regional- und Fernzügen zum Nadelöhr werden.
      Nach unserer Ansicht ist der Linientausch zwischen S1-S3 und S4-S6(0) zumindest im Notbetrieb bei Ausfall der Stammstrecke unvermeidbar.
      Was die T- und P-Spange betrifft, habe ich an der entsprechenden Stelle des Artikels noch einen Link auf die offizielle DB-Seite des Bahnprojekts Stuttgart-Ulm eingefügt, in dem die Optionen beschrieben werden.

      Mit freundlichen Grüßen
      Ulli Fetzer
      vom Team S-Bahn-Chaos.de

      Antworten
  3. Pingback: Endstation Vaihingen für die Gäubahn-Regionalzüge – für wie lange? Ein Blick in die Zukunft. | S-Bahn-Chaos in Stuttgart

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