Verkehrsausschuss-Sitzung des Verbands Region Stuttgart am 06.06.2018

Ein zentrales Thema der Verkehrsausschusssitzung am 06.06.2018 war die Kapazität der Stuttgarter S-Bahn. Die Verbandsgeschäftsstelle hatte dazu detaillierte Voruntersuchungen durchgeführt. Die in der Sitzungsvorlage (Dokumente siehe unten) zusammengefasst dargestellten Ergebnisse boten einen guten Überblick über die derzeitige Auslastungssituation in den Hauptverkehrszeiten 06:00 – 09:00 und 15:00 – 18:00 Uhr.

Tageszeitliche Verteilung des Verkehrsaufkommens S-Bahn

Tageszeitliche Verteilung des Verkehrsaufkommens S-Bahn. Quelle: VRS, Sitzungsdokument VA-27218

Da die Auslastung als Mittelwert pro Stunde ausgewiesen wurde, waren die tatsächlichen Spitzen nicht mehr erkennbar. Immerhin kann man diese in Detailtabellen nachlesen, in denen je einzelnem Zug die Auslastung dargestellt ist. Man hat den Eindruck, dass sich auf diesem Zahlenwerk eine wirklich vernünftige Entwicklungsplanung aufbauen lässt.

Diese Planungsarbeit muss aber erst noch begonnen werden. Die bereits gefassten Beschlüsse zur schrittweisen Ausweitung des 15-Minutentakts auf den kompletten Werktag, waren nur ein erster Schritt in diese Richtung. Und ob dieser tatsächlich noch zur weiteren Reduzierung der Belastung in der morgendlichen Spitzenstunde beitragen kann, ist fraglich. Denn der 15-Minutentakt läuft bereits heute überwiegend bis 8:30 – 9:00 Uhr, gerechnet ab Linienendpunkt.

Sehr erfreulich ist die Aussage von Verkehrsdirektor Dr. Wurmthaler, man wolle sich bei den Auslastungszielen am Kundenwunsch, also an der Fahrgastsicht orientieren. Nach ihr ist ein Zug voll belegt, wenn so viele Fahrgäste im Zug sind wie Sitzplätze vorhanden sind plus 25% stehende Fahrgäste. Praktisch bedeutet des: alle Sitzplätze sind besetzt und im Eingangsbereich jeder Tür halten sich 4 stehende Fahrgäste auf. Diese Zielorientierung („125%-Auslastung“) wurde auch von den Ausschussmitgliedern einhellig für gut befunden, sie solle verbindlich bleiben. Dem schließen wir uns gerne an, wenngleich noch offene Fragen festzustellen sind. So ist – wie auch im Ausschuss angesprochen – die Häufung mitgeführter Fahrräder in der Spitzenstunde in vielen Zügen noch problematisch. Auch Relationen wie z. B. zum Flughafen, auf denen großes Gepäck mitgeführt wird, sind real höher belastet als man aus der reinen Personenzahl ableiten kann. Die Menge an Fahrrädern wird in der Zukunft tendenziell eher zunehmen, Gepäck wird keinesfalls weniger.

Auch wurde von mehreren Fraktionen ins Gespräch gebracht, eine der „Nord-Linien“ (S4, S5, S6/S60) über die Schwabstraße hinaus bis Vaihingen weiter zu führen. Natürlich wäre dies wünschenswert, aber es bedarf dazu noch erheblicher technischer Ertüchtigung der Strecke Schwabstraße – Vaihingen (beide Richtungen!), die heute eine Zugfolge von 150 Sekunden noch nicht zulässt.

Und – natürlich blieb sie auch diesmal nicht aus – wurde die Einführung von ETCS nachdrücklich angesprochen. Mit ihr verbinden sich große Hoffnungen und hohe Erwartungen, teilweise sicherlich zu hohe. So geht man im Verband offenbar davon aus, dass mit ETCS bei der S-Bahn frühestens 2025 – dem heute geschätzten Inbetriebnahmetermin für Stuttgart 21 – zu rechnen ist. Im Zusammenhang mit ETCS wurde auch eine Taktverdichtung von 15 auf 10 Minuten angesprochen. Alle 6 Linien auf 10-Minutentakt umzustellen, würde eine planmäßige Zugfolge von 100 Sekunden (statt heute 150) bedeuten. So euphorisch war aber selbst die an sich schon extrem optimistische VWI-Thales-Studie im Jahr 2015 nicht und kam nur auf eine kürzeste Zugfolge von 112 Sekunden. Und nur einzelne Linien auf 10-Minutentakt umzustellen, würde zwangsläufig zu Kollisionen mit Planabfahrzeiten der 15-Minutentakt-Linien führen. Ob und was hier real erreichbar sein könnte, lässt sich erst beurteilen, wenn die Ergebnisse der gegenwärtig in Arbeit befindlichen Machbarkeitsstudie auf dem Tisch liegen.

Auf kurz oder lang sind mehr Fahrzeuge erforderlich, wurde von mehreren Fraktionen konstatiert. Dem kann man sich nur anschließen, nachdem in der Morgenspitze mangels Züge nicht alle überschlagenen Wenden wie vorgesehen gefahren werden können. Dabei ist wichtig zu wissen, dass S-Bahnzüge nicht mehr einfach nachbestellt werden können, so wie es mit den letzten 10 Zügen der Baureihe 430 ging. Die Zulassung für weitere Neufahrzeuge dieser Baureihe ist abgelaufen. Dadurch ist eine neue Baureihenzulassung erforderlich, die erwarten lässt, dass die Zeitdauer ab Entscheidung bis Verfügbarkeit der ersten Züge im täglichen Betrieb 4 – 5 Jahre betragen wird.

Angesichts der dringend notwendigen Bemühungen, im Ballungsraum Stuttgart mehr Menschen vom Individualverkehr auf den öffentlichen Verkehr herüberzuziehen, bekommen alle bekannten Überlegungen zur Weiterentwicklung der S-Bahn dramatisch mehr Gewicht als bisher. Wenn Verstärkungen der Züge, Verlängerungen bestehender Linien sowie Nutzung und Ausbau von Tangentialstrecken schnellstmöglich — das sind 4 – 5 Jahre — kommen sollen, müssen wir heute die Beschaffung weiterer Züge in Angriff nehmen. Schließlich gibt es noch viel zu untersuchen, vorzubereiten, finanziell zu planen und letztlich zu entscheiden, bis eine erste Bestellung auf den Weg gehen kann.

Dokumentation

Sitzungsdokumente zum TOP 1

Bericht in der Stuttgarter Zeitung Online: Was tun gegen überfüllte Züge am Morgen

2 Gedanken zu „Verkehrsausschuss-Sitzung des Verbands Region Stuttgart am 06.06.2018

  1. Andreas Grenzdörfer

    Vielleicht wäre es ja möglich mit ETCS alle Linien bis Vaihingen fahren zu lassen ? Was ist zu tun um die Kapazitäten auszubauen, wenn das Fahrverbot kommt ?

    Antworten
    1. Klaus Wößner Beitragsautor

      Lieber Herr Grenzdörfer,
      die Frage, wie es um die Kapazitäten bestellt sein wird, wenn das Fahrverbot in Kraft tritt, ist sehr berechtigt. Das Fahrverbot wird zwangsläufig auch die Nachfragespitzen des Hauptverkehrs nach oben schieben. Sowohl DB Regio als auch Stuttgarter Straßenbahnen werden dann versuchen, jedes nur irgendwie verfügbare Rad auf die Schiene zu bekommen. Nur, mehr einsatzfähige Fahrzeuge als in der Spitzenstunde unterwegs sind, gibt es fast nicht. Von der Stuttgarter S-Bahn wissen wir z. B, dass ca. 20 zusätzliche S-Bahnzüge notwendig wären, um im bestehenden Liniennetz alle verlängerbaren S-Bahnzüge auch als Langzüge fahren zu lassen. Und um bei der S-Bahn noch an weiteren Endstationen „überschlagene“ Wenden durchführen zu können, bedarf es noch ein paar Züge mehr.Immerhin hat man in Regionalverband und Regionalparlament jetzt offenbar verstanden, dass man in Richtung Beschaffung neuer S-Bahnzüge in die Offensive gehen sollte. Und — etwas Ironie dazu — bis neue S-Bahnzüge kommen, könnte es eher so weit sein, dass man wegen gesunkener Schadstoffwerte und ach so toller neuer Autos die Verbote wieder aufheben kann.

      Ihre Überlegung, alle S-Bahnlinien über die Schwabstraße hinaus bis Stuttgart-Vaihingen fahren zu lassen, klingt natürlich verführerisch. Aber da gibt es handfeste Probleme:
      – die Signalausrüstung zwischen Universität und Vaihingen hat derzeit schon Mühe mit den im 5-Minutentakt fahrenden Zügen. Schwabstraße – Universität sei signaltechnisch auch noch nicht darauf vorbereitet.
      – Man hätte auch nicht genügend Züge, um die Fahrzeitverlängerung zu bedienen, die ja pro Linie mindestens einen Zug pro Line mehr im Umlauf benötigt.
      – In Vaihingen müssten dann pro Stunde statt bisher 4 Züge pro Stunde dann 16 Züge pro Stunde über die dortige Abstellanlage wenden. Das geht ganz und gar nicht, weil sowohl die Züge ins Abstellgleis, als auch die aus dem Abstellgleis heraus über ein und die selbe kurze Gleisverbindung zwischen Weichen 233 und 235 fahren müssen. Ich empfehle dazu mal den Blick in die über Internet frei zugängliche open railway map. Es wären zusammen 32 Fahrbewegungen pro Stunde.
      Bei Einfahrten in Kopfgleise kann ETCS ohnehin nicht mehr ausrichten, als konventionelle Signalisierung.
      Vielleicht könnte man (vorbehaltlich der Verfügbarkeit von Zügen) eine weitere S-Bahnlinie bis Vaihingen verlängern, aber wohl nur, wenn die S3 mit allen Zügen bis Flughafen fahren würde. Wegen der dortigen Kurzwende von 6 Minuten, mehr geht technisch gar nicht, ist das auch nicht so sehr beliebt. Und eine Linie gar bis Böblingen zu verlängern, würde ebenfalls an der notwendigen Zugzahl scheitern.

      Ich fühle mich gar nicht gut sagen zu müssen, was nicht geht. Ehrlicherweise muss es aber sein.
      Bitte lassen Sie sich aber ja nicht davon abhalten, weiter an Lösungsmöglichkeiten zu denken. Vielleicht schaffen Sie als Außenstehender noch besser, kreative Lösungen zu finden, als die Insider, denen sich durch ihr großes Fachwissen manchmal der Blick fürs Kreative und bisher noch nicht Gedachte verstellt.
      Freundliche Grüße
      K.Wößner

      Antworten

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