Bahn will mit ETCS aus der Not eine Tugend machen

In München wird gerade für viele Milliarden Euro eine zweite Stammstrecke für die S-Bahn gebaut. In Stuttgart hat man sich stattdessen für die ebenfalls teure ETCS Signaltechnik entschieden, um die verspätungsgeplagte S-Bahn zu entlasten und wieder pünktlicher zu bekommen. ETCS steht für European Train Control System und soll die Kapazität der vorhandenen Stammstrecke erhöhen und dadurch die Pünktlichkeit verbessern. Dieser Plan hat Mitte März einen schweren Dämpfer erhalten, weil der Bund die Mittel für die Digitalisierung des Schienenverkehrs massiv gekürzt hat und ohne diese Bundesmittel die Einführung von ETCS bei der S-Bahn Stuttgart nicht zu stemmen ist.

Unbestätigten Hinweisen zufolge arbeitet die Bahn aber parallel schon an einem Plan B, der kurioserweise ebenfalls ETCS heißen wird. Mit dem Easy Timetable Correction System will die Bahn aus der Not – den häufigen Verspätungen – eine Tugend machen. Ab Dezember 2020, wenn zwischen 6 und 20.30 Uhr auf allen Linien alle 15 Minuten ein Zug fahren wird, soll bei Erreichen einer durchschnittlichen Verspätung von ca. 15 Minuten einfach der Fahrplan um 15 Minuten „korrigiert“ werden. Schließlich kann es den Fahrgästen ja egal sein, ob sie mit dem geplanten oder einem verspäteten Vorgängerzug pünktlich an ihr Ziel kommen. Bei Bedarf wäre diese „Korrektur“ um jeweils 15 Minuten sogar mehrfach täglich denkbar, um auch größere Verspätungen (30, 45, … Minuten) zu eliminieren.

Natürlich sind nicht alle S-Bahnzüge immer gleich viel verspätet und oft fahren die Verstärkerzüge der Zwischentakte nicht die komplette Strecke der Linie, aber auch hierfür haben die kreativen Köpfe bei der Bahn schon Ideen in der Schublade, wie z.B. Zwangshalte um fehlende Verspätungen aufzubauen oder dynamische Fahrtzieländerungen. Das IoT (Internet of Trains) soll hierfür die notwendigen Voraussetzungen schaffen, um die aus dem Takt geratene S-Bahn einer Landeshauptstadt auf Knopfdruck oder später vielleicht auch vollautomatisiert in einen neuen, „pünktlichen“ Takt zu zwingen.

Dass bei der Gelegenheit auch gleich die Pünktlichkeitsstatistik frisiert wird, dürfte die Bahn sicher nicht stören. Züge mit einer Verspätung kleiner 6 Minuten gelten bei der Bahn eh als pünktlich und Verspätungen von 15 Minuten und mehr verlieren zukünftig ihren Schrecken. Auch entfällt die Notwendigkeit, bei größeren Verspätungen Züge ausfallen zu lassen, um den Fahrplan wieder zu stabilisieren. Zwar wirken sich Ausfälle eh nicht negativ auf die Pünktlichkeitsstatistik aus, aber zumindest spart sich die Bahn die Strafzahlungen für ausgefallene Züge.

4 Gedanken zu „Bahn will mit ETCS aus der Not eine Tugend machen

  1. Klaudia

    Heute ist der erste April, das kann nur ein Scherz sein.

    Wir reden hier von der Bahn, also muss es wahr sein.

    Tja, heutzutage ist die Realität von Satire nicht mehr zu unterscheiden…

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  2. Bahnsinniger

    Lob für diesen gut gemachten Bluff — ist es einer? — aus dem Kollegium einer in Ditzingen ansässigen Firma, die Bahn-Sicherungstechnik entwickelt. :]]

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  3. Wolfgang Kuebart

    Genial, da können Beiträge wie der der StZ („Das unter die Erde Bringen der A8“) oder anderer Aprilschrott glatt einpacken.

    Ob der Schreiber sich bewusst ist, dass das IoT nicht ohne 5G zu stemmen ist? :-))

    Wie auch immer, mir gefällt’s, Daumen hoch!

    WolfgangK

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