Erneutes S-Bahn-Chaos – und was man daraus lernen könnte

Hbf(oben) 02.08.2022

Am 2.8. ist die Welt noch in Ordnung: S1 fährt noch vom Hbf oben nach Herrenberg

Unseren vorigen Beitrag hatten wir mit „S-Bahn-Chaos – Renaissance“ überschrieben, nachdem auch in diesen Sommerferien das S-Bahn-Ersatzkonzept zur Abfederung der baubedingten Sperrung der Stammstrecke schon nach kurzer Zeit durch erneute Probleme mit bzw. auf der Panoramastrecke über den Haufen geworfen wurde.

Am letzten Tag der Gültigkeit meines 9-Euro-Tickets fuhr ich öffentlich von Vaihingen zum Stuttgarter Flughafen. Nein, nicht wie bisher immer mit der S-Bahn, sondern mit der Stadtbahn U3 bis Möhringen und dann erstmalig mit der U6 ganz durch bis Flughafen/Messe Endstation. Es ist gut gelaufen. Die U6 war trotz vieler Reisender mit reichlich großem Gepäck durch ihre Länge als 80-Meter-Zug auf diesem Streckenabschnitt keineswegs überfüllt und bot ausreichend Sitzplatz.

Zur Rückfahrt zog es mich guter alter Gewohnheit gemäß in die S-Bahn, die mich nur bis Vaihingen bringen konnte, was mir ja klar war. Bei den ersten Schritten im Flughafenterminal zur S-Bahn nahm ich mir dann aber vor, mich gedanklich in einen Reisenden zu versetzen, der vor zwei oder drei Wochen von hier seine Urlaubsreise mit dem Flugzeug angetreten hatte und soeben zurück gekommen war.

Der Weg von der Ankunftsebene zur S-Bahn ist tatsächlich gut zu finden. Aber ein Hinweis, dass man den Hauptbahnhof und das Stadtzentrum derzeit besser mit der U6 erreichen kann, ist nirgends zu sehen. Auf dem Bahnsteig angekommen, liest man an der Anzeigetafel „S30 – Stuttgart-Vaihingen 11 Min“ und „S23 – Stuttgart-Vaihingen 26 Min“. Das unterlegte, durchlaufende weiße Band sagt nur, dass Ersatzverkehr zur Weiterfahrt eingerichtet sei. Man sieht schnell das eine oder andere ratlose Gesicht, das ohne Worte fragt: Wie komme ich in Vaihingen dann weiter? Eine Gruppe junger Männer ist dankbar für meinen Hinweis auf die U6 und macht sich auf den Weg dorthin.

Nachdem der S-Bahnzug die Station Echterdingen gerade verlassen hat, fällt mir ein Herr mit zwei Koffern auf, der etwas ratlos den über der Ausstiegstür angeklebten – im Moment natürlich nicht zutreffenden – S-Bahnlinienplan studiert. Auf meine Ansprache erfahre ich, dass auch er – Fremder mit guten Deutschkenntnissen – zum Hauptbahnhof möchte. Während ich versuche, ihm zu erklären, wie er ab Vaihingen mit dem Ersatzverkehr weiter kommen kann, fährt die S-Bahn in Leinfelden ein. Ein Mitreisender mischt sich dankenswerterweise ein und zeigt hinüber auf den dort stehenden Stadtbahnzug der Linie U5, der Herr könne doch hier umsteigen, und nimmt ihn beim Aussteigen gleich mit und zeigt ihm den Weg.

Auf die gute Fahrtmöglichkeit mit der U5 – wahrscheinlich besser als mit Schienenersatzverkehr ab Vaihingen – war ich selbst gar nicht gekommen. Und eine Ansage in der S-Bahn mit der Umsteigemöglichkeit in die U5 kam auch keine.

Bei der Einfahrt in die Endstation Vaihingen kommt zwar die (deutsch und englisch) gut verständliche Ansage, dass der Zug dort endet und alle bitte aussteigen sollen. Mehr nicht. Vom Bahnsteig an Gleis 2 sieht man zufällig beim Aussteigen auf Gleis 4 einen Regionalzugtriebwagen stehen, der „Stuttgart Hbf“ in seiner Zielanzeige stehen hat. Keinerlei Lautsprecherdurchsage kommt, keine ins Auge fallenden Schilder sind zu sehen, im Glaskasten hängt noch der nicht mehr aktuelle Fahrplan. Wenigstens steht am Ende des Bahnsteigs vor dem Treppenabgang eine junge Frau, mit gelber Jacke sichtbar als Hilfsperson gewandet, die auf meine Frage freundlich sagt, dass es diesen Zug zur Weiterfahrt auf Gleis 4 gibt und wann er abfahren wird.

Ersatzzug für die Panoramastrecke

Bhf Vaihingen: S1 aus Herrenberg trifft gegenüber dem Ersatzzug zum Hbf ein

Ein wenig versöhnt hat mich dann der Anblick, dass der Triebwagen nach Stuttgart Hbf über seine geplante Abfahrtzeit hinaus noch knapp zwei Minuten gewartet hat, um die Fahrgäste in Richtung Hbf aus der auf Gleis 6 etwas verspätet eingefahrenen S1 noch mitzunehmen.

Was können wir aus diesen Eindrücken und Erkenntnissen lernen?

Es ist ganz natürlich, dass ein durch die Stammstreckensperrung verursachter, sehr umfangreicher Sonderfahrplan nie alle Probleme ausschließen kann, sei er auch noch so gut ausgearbeitet. Wird dann aber auch noch der gut gedachte und präzise geplante Umgehungsverkehr über die Panoramastrecke durch extremen Radverschleiß an den Zügen jäh gestoppt, sind alle sich um den Betrieb kümmernden Mitarbeiter und Helfer in den Zügen, auf den Bahnsteigen und alle für Planung und Vorbereitung zuständigen Dienststellen wohl einfach überfordert.

Mir drängen sich hier ziemlich ketzerische Fragen auf:
Warum versuchen wir mühevoll, die S-Bahnumfahrung über die Panoramastrecke akribisch zu planen, wenn dies bisher sicherheitskritische Probleme bereitet hat, die wir noch immer nicht gelöst haben und mit denen wir somit auch für die Sommerferien 2023, 2024 und 2025 – hoffentlich nicht auch noch 2026 – rechnen müssen? Warum bereiten wir uns nicht einfach auf das „Schlimmste“ vor und planen gleich von vorneherein und nicht erst im Notfall den Verkehr ohne S-Bahnzüge auf der Panoramastrecke? Das Szenario sähe dann grob so aus:

  • Die S-Bahnlinien S1, S23 fahren sicherheitshalber nicht über die Panoramastrecke, sondern die Regellinien pendeln nur geteilt auf den Außenästen ihrer Strecken.
  • Zusätzlich disponieren wir die notwendigen Regionalzugfahrzeuge, um einen halbstündlichen Pendelverkehr zwischen Vaihingen und Hbf fahren zu können.
  • Wir sind vorbereitet, mit gut sichtbaren Schildern und Lautsprecheransagen auf den Bahnsteigen und im Zug auf die Alternativen und bestehenden Ausweichrouten, wie z. B. die Stadtbahnlinien U5 und U6 wirkungsvoll hinzuweisen.
  • Nachdem die U6 zwischen Flughafen und Hbf mit Langzügen praktisch „ausgereizt“ ist, verdoppeln wir die Kapazität der U5 ab Leinfelden durch Verdichtung auf 10-Minutenverkehr (Übrigens: wenn endlich die letzten zwei für 80-Meter-Züge der Stadtbahn zu kurzen Bahnsteige (Leinfelden-Unteraichen und Leinfelden-Frank) verlängert wären, könnte man die Kapazität der U5 mit 80-Meter-Zügen sogar vervierfachen).

Diese Planung und Vorbereitung auf das „Schlimmste“ wäre nur so zu verhindern, dass die genauen Ursachen des Radverschleißes bei den S-Bahnzügen untersucht und gefunden sind, und ob und wie das Problem gelöst werden kann. Diese Problemlösung bitte aber erst dann als gelungen betrachten, wenn nach mehrtägigem Testbetrieb wenigstens eines S-Bahnzuges auf der Panoramastrecke kein besonderer Radverschleiß mehr festgestellt wird. Die bisher als Lösung betrachtete verstärkte Schienenschmierung hat ja ganz offensichtlich nicht gereicht.

2 Gedanken zu „Erneutes S-Bahn-Chaos – und was man daraus lernen könnte

  1. Andi

    Scheinbar war das alles noch zu gut: Seit heute fährt die S-Bahn gar nicht mehr nach Filderstadt durch, stattdessen auch zwischen Filderstadt und Flughafen Pseudo-Ersatzverkehr. Als Grund wird in den Bahnsteigansagen „Reparatur am Zug“ angegeben. Allerdings sind genug Züge da, um bis Flughafen mit Langzügen zu fahren – auch wenn diese komplett leer sind, weil niemand mehr S-Bahn fahren will. Die Begründung ist also mehr als nur fadenscheinig, zumal keinerlei Erklärung erfolgt, warum plötzlich noch mal weniger Fahrzeuge zur Verfügung stehen sollen. In den Informationen im Internet ist die Info auch irgendwo mitten im Text versteckt.

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  2. Insider

    Der übermäßige Radverschleiß beschränkte sich nicht nur auf die S-Bahn-Fahrzeuge der Baureihe 430. Auch das auf der Panoramabahn eingesetzte Triebfahrzeug des Ersatzzuges (111 201) wies erhebliche Verschleißerscheinungen auf; es wurde daher in den letzten Einsatztagen durch eine bauartgleiche Maschine ersetzt. Ursächlich für den erhöhten Materialverschleiß ist die marode Schieneninfrastruktur auf der Panoramabahn, die der unterlassenen Instandhaltung in Vorausschau auf Stuttgart 21 geschuldet ist. Im Klartext: Die Deutsche Bahn ist sich der Probleme sehr wohl bewusst. Sie unterlässt eine rechtzeitige Instandhaltung ihrer Gleisinfrastruktur. Sie schont lieber ihre Fahrzeuge, als dass sie ihren Kundenauftrag erfüllt. Zum guten Schluss zeigt sie sich von den maroden Zuständen ziemlich überrascht und bittet ihre Fahrgäste tausendfach um Entschuldigung … Ist ein solches Geschäftsgebaren überhaupt noch zu entschuldigen? Oder handelt es sich bereits um Betrug?

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