Ein Oberleitungsschaden und das desaströse Informationsmanagement

Nicht einmal eine Woche nach den 4 Brandmelde-Fehlalarmen im S-Bahn-Tunnel und der damit verbundenen Sperrung der Stammstrecke hat am frühen Dienstagmorgen (23.08.2016) im Berufsverkehr eine altersschwache Oberleitung ihren Geist aufgegeben und hing herunter. Eine stadteinwärtsfahrende S3  Richtung Backnang kollidierte kurz vor der Einfahrt in die Station Schwabstraße mit ihr. Glücklicherweise hielten im Gegensatz zu einem ähnlichen Ereignis am Abend des 18.2.2015 zu diesem Zeitpunkt gerade alle anderen S-Bahnen auf der Stammstrecke und im Hasenbergtunnel in einem Haltepunkt, so dass bis auf die besagte S3 die Fahrgäste die Bahnen sofort verlassen konnten. Nachdem die Fahrdrahtspannung abgeschaltet, die herabhängende Oberleitung gesichert und der Fahrdraht geerdet war, konnte auch die S3 evakuiert und die mehreren hundert Fahrgäste zur Station Schwabstraße eskortiert werden.

Die Reparatur dauerte bis zum frühen Nachmittag. Zunächst war wegen der Stromabschaltung auch das Gegengleis nicht befahrbar, so dass der Notfallplan 1 in Kraft trat:

  • S1 und S2 wurden zwischen Vaihingen und Stuttgart Hauptbahnhof zunächst in beiden Richtungen über die Panoramastrecke und den Hauptbahnhof (oben) umgeleitet.
  • S3 pendelte zwischen Backnang und Stuttgart-Bad Cannstatt
  • S4 wendete bereits in Kornwestheim
  • S5 wendete in Stuttgart Hauptbahnhof (oben)
  • S6 wendete in Feuerbach
  • S60 pendelte nur noch zwischen Böblingen und Renningen

Die Strecke Hauptbahnhof (tief)  -> Universität/Österfeld konnte bereits kurz nach Uhr 9:00 Uhr wieder benutzt werden, die Strecke Richtung Stadtmitte erst gegen 14:00 Uhr. Die Zwischentaktzüge während der HVZ (Hauptverkehrszeit) entfielen jedoch ganztägig. Da die Reparatur bereits gegen 14 Uhr komplett abgeschlossen war, muss man sich schon fragen: Warum eigentlich?

Die Stuttgarter Blätter berichteten ausführlich darüber und scheuten sich auch nicht vor drastischen Worten wie

Auch überregional wurde das Thema beleuchtet, z.B. veröffentlichte die Südwestpresse mit der Überschrift 1853 Minuten Verspätung einen sehr aufschlussreichen Bericht. Auch die Stuttgarter Zeitung legte mit Nach dem Chaostag in Stuttgart: Die Bahn will nachrüsten nach.

Als ob das nicht alles schon schlimm genug wäre, wurden die Fahrgäste wieder einmal vollkommen unzureichend informiert. Der VVS meldete die Störung und die resultierenden Umleitungen und Ausfälle zwar recht früh über die VVS App und den Benachrichtigungsservice, aber am Bahnsteig und den Zugängen fehlten wie so oft zielführende Informationen und Durchsagen.

Stellvertretend eine Zuschrift einer frustrierten S-Bahn-Benutzerin:

Ich wollte am Dienstag um 8.53 ab Stadtmitte nach Kirchheim fahren. Früh morgens habe ich im Internet recherchiert, ob alles passt. Leider nicht, es gibt Probleme wegen einer Oberleitungsstörung. Aber: efa und VVS- und DB-Haltestelleninfo zeigten an, dass manche S-Bahnen noch unten fahren. Nur der VVS-Störungshinweis, auf den immerhin auf manchen Seiten verlinkt war, sagte, dass im Tunnel keine Bahn fährt und S1 nach Kirchheim im Hbf oben startet (aber ohne Uhrzeit).

Ich bin dann auf Verdacht mit dem Bus zum Hbf gefahren und wollte schauen, ob die S-Bahn nun oben oder unten fährt. Zum Glück habe erst bei den Fernbahngleisen geschaut. An der Abfahrtstafel stand S1 Kirchheim Gleis 7 (ohne Uhrzeit), S1 Herrenberg Gleis 4 (ohne Uhrzeit). Auf Gleis 7 stand eine S-Bahn, ich stieg auf Verdacht ein, sie fuhr 8.40 los.

Mehrere Fahrgäste dachten, es sei eine Bahn Richtung Vaihingen, stiegen dann frustriert in Stuttgart Bad Cannstatt um. Die Bahn wendete in Plochingen, was der Lokführer erst in Plochingen erfuhr und weitergab. Dort kam dann eine S1 aus Kirchheim, die wieder dorthin zurückfuhr, und schließlich kam ich doch zur ursprünglich geplanten Zeit 9.38 in Kirchheim an. Aber die Informationspolitik war desolat.

Wenn schon diese unvorhergesehenen Störungen passieren, muss es Priorität haben, die Fahrgäste auf die vorhandenen Möglichkeiten zuverlässig hinzuweisen. Besser keine Auskünfte als falsche. Wäre es so schwierig gewesen, am Gleis 7 und in der S-Bahn durchzusagen, Achtung, diese Bahn fährt in 2 Minuten ab, diese Bahn fährt Richtung Kirchheim, Reisende Richtung Vaihingen bitte auf Gleis 4 gehen, die Bahn dort fährt in xxx Minuten, … oder so ähnlich? Auch im 42-Bus (und 44), die ja wohl ersatzweise die Fahrgäste zwischen Schwabstraße und Hbf aufgenommen haben, wäre eine Durchsage hilfreich gewesen.

Letztlich haben sich die Fahrgäste untereinander „informiert“, auch mitunter falsch und mit Beschimpfungen. Ich musste zehn Minuten lang einen aufgebrachten Fahrgast beruhigen, der eine Bemerkung eines Mitfahrers in den falschen Hals gekriegt hatte.

S-Bahn-Chaos.de beanstandet insbesondere die ungenauen und oft falschen Informationen am Bahnsteig und Bahnhof und zwar auf den Anzeigetafeln und den Durchsagen, für die die DB Station&Service verantwortlich zeichnet. Ganz besonders an wichtigen Stationen mit sehr vielen betroffenen Fahrgästen wie z.B. Hauptbahnhof (tief) und (oben) müssen die Informationen einfach richtig und konsistent sein. Warum stimmt das RIS (ReisendenInformationsSystem) oft nicht und wieso bleiben Durchsagen aus? Apropos Hauptbahnhof: Warum werden die Fahrgäste nicht schon in Hauptbahnhof (oben) oder in der Klett-Passage visuell und akustisch darauf hingewiesen, was Sache ist , bevor sie nach unten gehen? OK, wir wissen, die Klett-Passage wird von der SSB betrieben, aber das interessiert den Fahrgast nicht.

Dass es an diesem Morgen auch noch je eine Signal-, Stellwerk- und Weichenstörung gab, sollte nicht unerwähnt bleiben.

2 Gedanken zu „Ein Oberleitungsschaden und das desaströse Informationsmanagement

  1. Daniel Stubbacher

    Nachdem sich letztens die VVS-Seite und bahn.de nicht einig waren, wann während der Baustellenzeit zwischen S-Rohr und Böblingen der Regio von Bondorf Richtung Herrenberg abfuhr, schrieb ich an den VVS.

    Das konkrete Problem: bahn.de sagte Abfahrt um 16:50 voraus und vvs.de um 16:53. Die Antwort vom VVS:

    „[…] zunächst vielen Dank für Ihren Hinweis und Entschuldigung für die falsche Auskunft unter vvs.de. Die Angaben unter bahn.de sind die korrekten. Offensichtlich haben wir nachträgliche Änderungen im Baustellenfahrplan nicht mitbekommen.

    Die Angaben werden umgehend geändert und mit dem nächsten Update morgen Vormittag eingestellt. […]“

    Montags reklamiert, dienstagsvormittags eine Antwort und das Update des Fahrplans am Mittwochvormittag.

    Der VVS greift also in seiner Auskunft nicht direkt auf das RIS der Bahn zu, sondern hat seine eigene Datenbank, die regelmäßig aktualisiert werden muss. Im Störungsfall müssten dann wohl alle ausfallenden Fahrten manuell ausgetragen werden.

    Das erklärt die in den Artikeln angesprochene Diskrepanz bei den Auskünften.

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  2. Earl Y. Bird

    Der folgende Artikel in den Stuttgarter Nachrichten beschreibt warum am Tag der Oberleitungsstörung in der VVS Auskunft (Webseite und App) teilweise S-Bahn Züge angezeigt wurden, die in Wirklichkeit ausfielen:

    http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.s-bahn-stuttgart-vvs-setzt-bei-stoerungsmeldungen-auf-kunden.d293562b-11cb-4e4f-a823-fa1c7589b5e2.html

    Um solche Fälle zukünftig zu verhindern, werden die Auskunftssysteme von Bahn und VVS im Bezug auf die Vorschauzeiten angeglichen.

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