„Videoreisezentren“ in der Region Stuttgart

Derzeit gibt es am Bahnhof Korntal noch (fast) alles, was man braucht. Das Reisezentrum könnte in dieser Form aber bald Geschichte sein.

Wie schon vor einigen Monaten bekannt wurde, sollen in einer Testphase einige Bahnhöfe in der Region Stuttgart mit sogenannten Videoreisezentren, die bei der DB seit 2013 im Einsatz sind, ausgestattet werden. Bei den Videoreisezentren kommuniziert der Kunde mit einem Mitarbeiter per Video, wobei dieser in einer der Zentralen sitzt, was Kosten senken und längere Öffnungszeiten der Video-Reisezentren möglich machen soll.

Geht es nach der Bahn, könnten an den Stationen Zuffenhausen, Kornwestheim, Marbach, Fellbach und Winnenden zukünftig keine direkten Ansprechpartner mehr verfügbar sein.

In einer ersten Testphase soll an den Bahnhöfen Marbach und Korntal die Beratung zukünftig ausschließlich per Video erfolgen. Weitere vier Stationen, Böblingen, Waiblingen, Leonberg und Ludwigsburg, sollen additiv mit Videoreisezentren ausgestattet werden.

In Korntal läuft zu diesem Thema derzeit eine Petition gegen die Pläne, worüber die StZ am 03.10 berichtet hat.


Dass Reisezentren nicht immer gewinnbringend betrieben werden können, ist klar. Auch verständlich ist, dass man von Zeit zu Zeit prüfen sollte, ob die bisherige Bedienung in dieser Form weiterhin sinnvoll ist. Und gegen neue Wege in der Fahrgastinformation und der Kundenbetreuung spricht generell ebenfalls nichts.

So werden an einigen Reisezentren, wie zum Beispiel in Stuttgart-Vaihingen, oft zwei Kundenbetreuer eingestellt, was angesichts der durchschnittlich geringen Frequenz von Kunden sicherlich nicht immer nötig wäre. Auch über eine Reduktion der Öffnungszeiten zugunsten einer Videoberatung außerhalb der Anwesenheit von Kundenbetreuern könnte man diskutieren.
Und auch gegen die Installation solcher Video-Reisezentren an Stationen, die bisher keine Beratung hatten, spricht natürlich nichts.

Derzeitige Öffnungszeiten in Korntal

Dass aber, wie zumindest die Vertreter der betroffenen Gemeinden behaupten, nun ohne Rücksprache mit diesem gleich 2 Reisezentren auf ein Mal vollständig geschlossen werden sollen, ist zumindest aus unserer Sicht schwierig. Denn einmal geschlossen werden die Reisezentren wohl nicht so schnell wieder in Betrieb genommen werden. Aus einem Testbetrieb wird dann, ähnlich wie bei Stilllegungen von Eisenbahnstrecken, schnell ein Dauerzustand.

Abgesehen von der angeblich nicht reibungslosen Kommunikation zwischen VRS, in dessen Auftrag die Bahn im Rahmen des S-Bahn-Vertrages die Reisezentren betreiben muss, und den betroffenen Kommunen, sehen wir die Schließungen von Reisezentren an wichtigen Knotenbahnhöfen kritisch, zumal sie in den beiden Fällen die einzige Beratungsmöglichkeit der Bahn in der ganzen Stadt ist. Denn nicht nur für alte Menschen, die oft nicht so technisch begabt sind, wie jüngere, ist eine persönliche Beratung wichtig – man denke an die Buchung einer komplizierten Reise, an die Beratung zu Themen wie Abonnements oder auch Informationen für Touristen und nicht täglich mit der Bahn fahrende Pendler.

Die Videoreisezentren, von denen es beispielsweise in Tübingen schon eines zusätzlich zur normalen Kundenbetreuung gibt, sind laut Bahn einfach zu bedienen und werden gut angenommen. Bei einer Stichprobe in Tübingen hat der Video-Schalter hingegen überhaupt nicht funktioniert. Und die Fahrkartenautomaten sind bei unserem Tarifdschungel sowieso ein Kapitel für sich.

Die Fahrkartenautomaten sind für Fremde bekanntlich nicht einfach zu bedienen

Eine Fernberatung per Video-Bildschirm kann niemals eine gute, solide und freundliche persönliche Beratung ersetzen, die zumindest bei einer Beratung im Sommer in Korntal vollumfänglich gegeben war.

Zur Diskussion um eine bessere Bahn gehört auch, dass die Möglichkeit zum Bahnfahren und der Beschaffung der dazugehörigen Informationen, nicht nur für eine Bevölkerungsgruppe, sondern für möglichst viele gegeben sein sollte. Nur dann kann man auch Neukunden zum Umstieg auf den ÖPNV bewegen.

3 Gedanken zu „„Videoreisezentren“ in der Region Stuttgart

  1. Bahnkunde

    Zitat: „(…) sehen wir die Schließungen von Reisezentren an wichtigen Knotenbahnhöfen kritisch, (…)“

    Hahaha, Korntal und Marbach sind wichtige Knotenbahnhöfe? Das ist der Witz des Tages! 🙂

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    1. Hosea Winter Beitragsautor

      Korntal und Marbach sind sehr wohl wichtige Bahnhöfe. In Korntal ein Knotenbahnhof zu einer Regionalbahn, in Marbach Ausgangspunkt fast aller Buslinien im Norden des VVS-Gebietes. Beiden sind außerdem jeweils die Bahnhöfe von eigenständigen Städten und nicht „irgendwelche Haltestellen“.

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  2. Klaudia

    OT: Bahn lässt Fahrgäste ewig in ‚havarierter‘ S-Bahn schmoren – mit Fenstern, die man schon lange nicht mehr öffnen kann und bei defekter Bahn sicher ohne Klimatisierung – und hinterher sind die Fahrgäste schuld daran, daß die Bahn sie nicht evakuiert hat:

    „Normalerweise hätte man die Evakuierung mit eigenem Personal abwickeln können. Wenn es da nicht die eigenmächtigen Fahrgäste gegeben hätte.“

    https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.s-bahn-chaos-in-stuttgart-feuerwehr-wusste-nichts-von-notfall.256f0c66-6605-4f10-9ed5-66b917add4f3.html

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