S-Bahn-Stammstreckensperrungen in den Sommerferien der Jahre 2021-2023

In der →Verkehrsausschuss-Sitzung des Verbands Region Stuttgart am 22.1.2020 wurde unter dem Tagesordnungspunkt 3 über die geplanten Stammstreckensperrungen in den Jahren 2021-2023 berichtet.

Wir von S-Bahn-Chaos.de sind der Meinung, dass die Öffentlichkeit schon heute, 1 ½ Jahre vor der gepanten Maßnahme von den einschneidenden Planungen informiert werden sollte, auch wenn bestimmt noch nicht das letzte Wort gesprochen ist.

Der derzeitige Stand der Überlegungen aus Sicht der S-Bahn-Stuttgart ist folgender:

In den gesamten Sommerferien der Jahre 2021-2023 wird jeweils die gesamte (erweiterte) Stammstrecke zwischen Stuttgart-Hbf (tief) und Stuttgart-Österfeld (jeweils einschließlich) für den S-Bahn-Verkehr wegen der nach 40 Jahren erforderlichen Sanierung und weiterer Arbeiten komplett gesperrt um die geplanten Arbeiten möglichst schnell abschließen zu können. Die Umfahrung der Stammstrecke erfolgt über den Hauptbahnhof (oben) und die Panoramastrecke nach Stuttgart-Vaihingen. Aufgrund begrenzter Kapazität ist diese Alternativroute allerdings nicht für alle Linien möglich. Außerdem sollen alle Linien selbst in der HVZ nur im 30-Minuten-Takt verkehren. Allerdings werden nach aktueller Planung während der Sperrphasen 3 Ersatzlinien eingerichtet, die das Angebot verdichten.

Folgendes Liniennetz wurde vorgestellt:

voraussichtliches Liniennetz während der Stammtunnelsperrungen in den Sommerferien 2021-2023

voraussichtliches Liniennetz während der Stammtunnelsperrungen in den Sommerferien 2021-2023

LinieVerlauf
S1Kirchheim(T) - Hbf(oben) - Panoramastrecke - Vaihingen - Herrenberg
S2Schorndorf - Hbf(oben)
S3entfällt ganz, siehe Ersatzlinie S23
S4Backnang - Marbach - Hbf(oben)
S5Bietigheim - Hbf(oben)
S6Weil der Stadt - Zuffenhausen - Hbf(oben)
S60Böblingen - Renningen (- Zuffenhausen)
Ersatzlinien
S15Bietigheim - Feuerbach - Panoramastrecke - Vaihingen - Herrenberg
S23Backnang - Bad Cannstatt - Hbf(oben) - Panoramastrecke - Flughafen - Filderstadt
S30Vahingen - Flughafen/Messe
Alle Linien generell nur im 30-Minuten-Takt

Alle Linienäste sollen im jeweiligen Grundtakt betrieben werden. So können zumindest die meisten Anschlussverbindungen wie gewohnt benutzt werden, wie im folgenden Plan mit Taktzeiten an den wichtigsten Knotenpunkten zu sehen ist (zum Vergrößern klicken):

voraussichtliches Liniennetz während der Stammtunnelsperrungen in den Sommerferien 2021-2023 mit Taktzeiten

voraussichtliches Liniennetz während der Stammtunnelsperrungen in den Sommerferien 2021-2023 mit Taktzeiten: Hinweis: Einige Taktzeiten wurden vom Baustellenfahrplan beim Umbau des Bahnhofs Vaihingen bzw. der Rampensperrungen übernommen.

Die Ersatzlinie S15 (Bietigheim – Herrenberg) fährt nicht über Hbf (oben), sondern zweigt von Bietigheim kommend bereits hinter dem Pragtunnel über die Güterbahngleise in die Panoramastrecke ab und hält somit nicht zwischen Feuerbach und Stuttgart-Vaihingen.

Da die S2 während dieser Zeit nur noch zwischen Schorndorf und Hbf (oben) verkehrt, wird die Linie S3 (Backnang – Flughafen/Messe) zur S23 und fährt über Hbf (oben) nach Filderstadt.

Um weiterhin mit 2 Linien wenigstens ab Vaihingen zum Flughafen fahren zu können, wird ein „Lückenbüßer“ S30 zwischen Vaihingen und Flughafen eingerichtet.

Die aus dem Remstal kommenden Fahrgäste der S2 mit Ziel bzw. Start Flughafen, müssen mindestens einmal, bei Zeitnot eventuell sogar zweimal umsteigen. Der 30-Minuten-Takt tut sein Übriges!

Angesichts der begrenzten Kapazität für zusätzliche S-Bahn-Verkehre mit Wende im Hauptbahnhof (oben) sowie auf der Panoramabahn erscheint uns das Konzept auf den ersten Blick gut durchdacht.
Folgendes ist trotzdem auffallend:

  • Auch auf einem der Hauptäste Stuttgart – Esslingen/Plochingen gibt es keinen 15-Minuten Takt. Dem könnte durch eine Verstärkerlinie zwischen Plochingen/Esslingen und Stuttgart-Bad Cannstatt abgeholfen werden. Dort wäre zumindest theoretisch auf dem stadteinwärts führenden S-Bahn-Gleis 2 Platz für einen wendenden Zug. Nach aktuellem Fahrplan würde die Wendezeit hier jedoch 28 Minuten betragen, was bei geringer Verspätung des abfahrenden Zuges zu Verzögerungen für den ankommenden Zug führen könnte.
  • Die S23 soll auf der Panoramabahn 10 Minuten mehr Zeit benötigen, als die S1. Umgekehrt bedeutet dies, dass die S1 zwischen Vaihingen und Hauptbahnhof (oben) inklusive der Wendezeit nur 15 Minuten benötigen darf. Dies ist unrealistisch wenig, daher hat man schon im Sommer 2019 bei den Rampensperrungen durch die Linien S12, S23 und S31 10 Minuten Zusatzpuffer geschaffen. Dass auf diesen nun nur bei der S1 verzichtet wird, wird sicherlich fahrplantechnische Gründe haben. Wirklich stabil erscheint dieser Fahrplan aber nicht.
    Daraus resultiert auch, dass die Fahrzeiten zwischen Bad Cannstatt und Vaihingen je nach benutzter Linie um 10 Minuten variieren.
  • Die Umsteigezeit aus dem Remstal zur S23 zum Flughafen, sowie umgekehrt, beträgt am Hauptbahnhof (oben) entweder unrealistische 3 oder aber 23 Minuten. Durch die verlängerte Fahrzeit der Linie S23 ist man somit 30 Minuten länger unterwegs.
  • Beim heutigen Fahrplan würde die S15 zwischen Vaihingen und Feuerbach 23 Minuten „Zeit haben“, wenn sie sich auf den jeweiligen Außenästen in einen geraden 15-Minuten Takt einreihen will, was aufgrund der anderen Linien und deren starre Taktzeiten (S4, S6 bzw. S23, S30) nötig ist. Dies erscheint sehr viel, vor allem wenn man bedenkt, dass die S1 nur 12 Minuten (3 Min. Wendezeit am Hbf wie bei den Instandhaltungsfenstern vorausgesetzt) für die längere Strecke von Vaihingen zum Hbf (oben) brauchen darf.
Klicken Sie um Hintergründe für die Maßnahme zu lesen...

Das Herzstück der Stammstrecke der S-Bahn Stuttgart ist der etwa 3 km lange Tunnel zwischen den unterirdischen Bahnhöfen Hauptbahnhof, Stadtmitte, Feuersee und Schwabstraße, der am 1. Oktober 1978 in Betrieb genommen wurde und während seiner über 40-jährigen Betriebszeit von mehreren Millionen S-Bahn-Zügen durchfahren wurde. An den Bahnhof Schwabstraße schließen sich eine ca. 1,5 km lange unterirdische Wendeschleife für beginnende und endende Züge sowie der zwischen 1979 und 1985 erbaute Hasenbergtunnel an, der auf einer Länge von 5,7 km bei einer Steigung von bis zu 4 % den Talkessel der Stadt Stuttgart mit der Filderebene verbindet. Die betriebliche Verknüpfung mit dem weiterführenden Eisenbahnnetz erfolgt hier im Bahnhof Stuttgart-Vaihingen.

Mit der letzten Realisierungsstufe des durchgehenden 15-Minuten-Taktes ab Dezember 2020 steigt die tägliche Zahl an Zügen, die den Tunnel passieren, auf rund 900, wobei zwischen 6 Uhr und 20:30 Uhr rechnerisch pro Richtung alle 2 ½ Minuten ein Zug fährt.

Mit Umsetzung der Frühanbindung des Flughafens im Dezember 2018 hat sich die nächtliche Betriebspause montags bis freitags auf nur noch etwa drei Stunden reduziert (ca. 1:15 Uhr bis 4:15 Uhr); am Wochenende wird die Stammstrecke rund um die Uhr befahren.

Instandhaltungsbedarf

Eine in solchem Maße hoch belastete Eisenbahnstrecke erfordert auch in besonderem Umfang Instandhaltungsarbeiten. Für kleinere und immer wiederkehrende Maßnahmen wurde angesichts der wachsenden Zugmenge ein sogenanntes Fahrplanfenster eingeführt. Dabei wird in ausgewählten verkehrsschwachen Nächten ein reduziertes Betriebsprogramm aktiviert, welches einfache Inspektions-, Wartungs- und Reinigungsarbeiten ermöglicht (vgl. Verkehrsausschuss am 22. Juni 2016, Sitzungsvorlage Nr. 139/2016). Nicht im Rahmen von stundenweisen oder tageweisen periodischen Sperrpausen durchführbar sind jedoch substantielle Erneuerungsmaßnahmen an der Infrastruktur.

Die DB Netz AG hat angekündigt, dass ein solches Maßnahmenpaket für die Stammstrecke der S-Bahn Stuttgart im Laufe der kommenden Jahre umzusetzen ist. Unter Berücksichtigung von gegenseitigen Abhängigkeiten und Synergien der einzelnen Maßnahmen ergebe sich daraus nach aktuellen Planungen der Bedarf, die Stammstrecke der S-Bahn Stuttgart zwischen Stuttgart Hauptbahnhof tief (einschließlich) und Stuttgart-Vaihingen (ausschließlich) in den Jahren 2021, 2022 und 2023 jeweils für sechs Wochen während der Sommerferien komplett zu sperren.

Dabei sollen insbesondere die nachfolgenden Arbeiten durchgeführt werden:

Ersatzkonzept

Von besonderem Interesse ist die Gestaltung des Ersatzverkehrs während der Sperrung der Stammstrecke. Hierzu wurde eine Arbeitsgruppe eingesetzt, in der die verkehrliche Konzeption erstellt wird. Grundsätzlich soll die S-Bahn aus Richtung Feuerbach bzw. Bad Cannstatt ersatzweise Stuttgart Hauptbahnhof (oben) bedienen. Für den Verkehr aus dem südlichen Teil des S-Bahn-Netzes steht die Panoramabahn zur Verfügung. Allerdings ist die Aufnahmefähigkeit des Hauptbahnhofes für weitere Verkehre gegenüber dem Standardfahrplan eingeschränkt. Im regulären Betrieb werden 15 der 16 Bahnsteiggleise intensiv durch den Fern- und Regionalverkehr genutzt. Somit sind empfindliche Fahrplanausdünnungen bei allen Verkehrsarten nicht zu vermeiden, wenn zusätzlich mehrere Gleise des Kopfbahnhofes für den umgeleiteten S-Bahn-Verkehr in Anspruch genommen werden müssen.

Derzeit sind intensive Abstimmungen zwischen den Beteiligten mit dem Ziel, Konsens über ein betrieblich wie verkehrlich tragbares Ersatzkonzept zu erlangen, im Gange. Aus Sicht des Verbands Region Stuttgart muss sich die auch während der Schulferien enorme Fahrgastnachfrage bei der S-Bahn Stuttgart zwingend in der Ersatzkonzeption widerspiegeln.

hier der Sachvortrag VA-02820 im Original zum herunterladen, den wir aus Vereinfachungsgründen auf dieses Portal hochgeladen haben.

Inwieweit die SSB durch die Verlängerung der Stadtbahnlinie U6 vom Flughafen zum Fasananenhof, bzw. die geplante U17 nach Vaihingen/Dürrlewang, zusätzlich unterstützend wirken kann, ist derzeit unbekannt. Es sind jedenfalls größere Einschränkungen während der Sperrpausen zu erwarten. Es ist davon auszugehen, dass mancher daran erinnert wird, warum dieses Portal S-Bahn-Chaos.de heißt.

Außerdem ist zu hoffen, dass innerstädtisch ein brauchbares Ersatzkonzept aufgestellt wird. Zumindest der derzeit noch gesperrte Stadtbahnabschnitt Staatsgalerie-Hauptbahnhof sollte dann auch schon wieder eröffnet sein. Vor allem zwischen der Universität und der Innenstadt besteht nämlich außer der S-Bahn planmäßig keine brauchbare Verbindung, die in der Lage ist, die Fahrgastströme aufzunehmen.

Wenigstens ist Stuttgart 21 im Jahre 2023 noch nicht einmal ansatzweise in Betrieb, sonst käme bestimmt noch der eine oder andere Tagträumer auf die Idee, der Tiefbahnhof könne im Falle von Stammstreckensperrungen auch noch problemlos die zusätzlichen S-Bahn-Verkehre aufnehmen. Wann man dann nicht einmal mehr die Panoramabahn zur Verfügung hätte oder diese schon in Stuttgart-Nord, West, oder wo auch immer enden würde, wäre an ein ausgefeiltes Ersatzkonzept nicht mehr zu denken.

Das gehört zwar nicht unbedingt hier her, aber wir bezweifeln, dass sich die S21-Protagonisten schon einmal Gedanken darüber gemacht haben, was passiert, wenn S21 wie geplant ‚reinrassig‘ gebaut wird, also die Panoramabahn nicht mehr zum Hauptbahnhof durchgebunden wird, sondern irgendwo in der ‚Prärie‘ endet. Auch die sog. ‚Tunnelspinne‘ (Tiefbahnhof mit 60 km Zulauftunnel) muss irgendwann, spätestens nach einigen Jahrzehnten saniert werden. Was dann?

4 Gedanken zu „S-Bahn-Stammstreckensperrungen in den Sommerferien der Jahre 2021-2023

  1. Stefan Urbat

    Interessant ist daran, dass die S15 das tun wird, was wir als eine mögliche Teil-Lösung der Probleme betrachten: unter Umgehung des Hauptbahnhofs von Feuerbach nach Vaihingen über die Panoramastrecke zu fahren.

    Spannnend ist auch, was passiert, wenn der Regionalbahnhalt Vaihingen gebaut bzw. fertig gestellt wird – das wird bei diesem Konzept eine größere Rolle spielen.

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  2. Karsten Wirth

    Das Konzept hört sich ja durchaus brauchbar an. Ich verstehe nur nicht, wieso man dies nicht mit einer Verbesserung der Panoramastrecke kombiniert, und zumindest ein oder zwei sowieso angedachte Haltestellen (z. B. Herderplatz und Pragfriedhof) im Vorfeld der Baumaßnahme einrichtet? Dies würde nicht nur Verknüpfungen zur U-Bahn schaffen, sondern auch gleich die Aktzeptanz einer Regio – oder S-Bahn Linie über die Panoramastrecke unter Beweis stellen.

    Das Gleise nach 40 Jahren getauscht werden müssen ist nicht sonderlich überraschend, gensausowenig wie die Durchführung dieser Baumaßnahme vor Inbetriebnahme von S21. Planungszeit hierzu wäre also ausreichend vorhanden (gewesen).
    Aber ÖPNV und kreativ bw. pragmatisch scheint in Stuttgart nicht zusammen zu gehören.

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  3. Bastian

    Vielen Dank für die Informationen über das Ersatzkonzept!!!
    Darf man fragen wo Ihr diese Detaillierten Informatinen her habt?

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    1. Hosea Winter

      Guten Abend,

      Diese Informationen wurden bei der Verkehrsausschuss-Sitzung des VRS am 22.01.2020 inklusive eines recht groben Liniennetzplanes gezeigt.
      Die Taktzeiten basieren auf den heutigen, sowie denen der letzten Stammtunnelsperrungen.
      Durch diese Informationen kann man Rückschlüsse auf die Wartezeiten und Anschlussbeziehungen ziehen, zumal die Abfahrtszeiten auf den Außenästen unverändert bleiben sollen.

      Freundliche Grüße,
      Hosea vom S-Bahn-Chaos Team

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