Verstärkung zwischen Weil der Stadt und Zuffenhausen durch die S62

Zum 12.12.2021 gab es einen neuen Jahresfahrplan im öffentlichen Linienverkehr. Dieser Fahrplan wirft seinen Schatten schon weit voraus auf den 12.09.2022, an dem die zusätzliche S-Bahnlinie S62 das Verkehrsangebot zwischen Weil der Stadt und Zuffenhausen verstärken soll.

Auslöser dafür war, dass der Regionalverband in einer Verkehrsuntersuchung für den Streckenabschnitt zwischen Leon­berg und Feuerbach in der Hauptverkehrszeit ein nicht ausreichendes Platzangebot festgestellt hatte. Wenig später errechnete das Verkehrswissenschaftliche Institut Stuttgart, dass eine verstärkende S-Bahnlinie zwischen Weil der Stadt und Feuerbach einen deutlichen Zugewinn an Fahrgästen erbringen werde.

Nachdem die Einführung der zusätzlichen Linie S62 in der Hauptverkehrszeit beschlossen war, wurde sie etwas vollmundig sogar als „Sprinter-„ oder „Express“-S-Bahn angekündigt. Wenn man sich den für sie vorgesehenen Fahrplan etwas genauer ansieht, stellt sich im Kontext „Sprinter“ und im Vergleich zur S6 einiges darin doch recht eigenartig dar:

Fahrtrichtung Zuffenhausen → Weil der Stadt:

  • Obwohl von Zuffenhausen bis Korntal S6 und S62 jeweils 4 Minuten Fahrzeit aufweisen, hält die S6 dazwischen in Neuwirtshaus, die S62 fährt dort aber ohne Halt durch.
  • Die S6 hat für die Strecke Korntal – Weilimdorf 2 Minuten, die S62 hat aber 3 Minuten, was sich allerdings im weiteren Verlauf zwischen Weilimdorf und Ditzingen wieder kompensiert, für den nun die S6 eine Minute Fahrzeit mehr als die S62 bekommen hat.
  • S6 und S62 haben von Ditzingen bis Leonberg mit 7 Minuten gleiche Fahrzeit, die S6 hält in Höfingen, aber die S62 fährt dort ohne Halt durch.
  • Ab Leonberg fährt die S62 ohne Halt bis Weil der Stadt durch. Dass in Rutesheim und Malmsheim nicht gehalten wird, mag noch begründbar sein, aber in Renningen nicht zu halten, einem für die S-Bahn wichtigen Knoten, verwundert doch sehr.

Fahrtrichtung Weil der Stadt → Zuffenhausen:

  • Die S62 fährt auch in dieser Richtung von Weil der Stadt bis Leonberg ohne Halt durch. Für diese Strecke sind ihr 9 Minuten Fahrzeit zugebilligt, während die S6 für die gleiche Strecke, hier um den längeren Halt in Renningen bereinigt, 11 Minuten benötigt. Rechtfertigt die Ersparnis von maximal 2 Minuten Fahrzeit, gleich an drei Stationen einschließlich dem Knoten Renningen nicht zu halten?
  • Von Leonberg bis Ditzingen sind für S6 und S62 jeweils 7 Minuten Fahrzeit veranschlagt. Warum kann dann nur die S6 in Höfingen halten, die S62 aber nicht?
  • Zwischen Ditzingen und Korntal muss die S62 bei 8 Minuten Fahrzeit regelrecht „trödeln“, während die S6 gut mit 5 Minuten auskommt. Hier mutiert der „Sprinter“ zur „Schnecke“.
  • Auf der Gesamtstrecke Weil der Stadt – Zuffenhausen hat die S62 die gleiche Fahrzeit wie die S6 (mit bereinigter Fahrzeit). Aber sie fährt im Gegensatz zur S6 an 5 Stationen ohne Halt durch und muss dafür an anderer Stelle die zuvor eingesparte Fahrzeit wieder vertrödeln.

Zunächst kann man sich überhaupt nicht erklären, wie es zu einem solchen Fahrplan kommen kann. Sieht man sich die einzelnen Streckenabschnitte aber genauer an, findet man eine Erklärung.

Auf dem Weg zur Endstation in Weil der Stadt verengt sich die Strecke auf den letzten ca. 2,5 Kilometern von zwei auf nur ein Gleis. Dieses eine Gleis können die während des Viertelstundentakts für beide Richtungen insgesamt 12 Züge je Stunde (8 Züge der S6 und 4 Züge der S62) nur einzeln nach­einander befahren. Weil ferner der Fahrplan der S6 in Renningen in beiden Richtungen auf den optimalen Anschluss mit der S60 von und nach Böblingen ausgerichtet ist, steht für die Fahrlagen der S62 während des Viertelstundentakts in beiden Fahrtrichtungen jeweils nur ein sehr enger Zeitkorridor von ca. 2 Minuten zur Verfügung.
(siehe nachfolgende Abbildung 1).

Abbildung 1: S6-/S62-Fahrplankonstellation Renningen – Weil der Stadt

Abbildung 1: S6-/S62-Fahrplankonstellation Renningen – Weil der Stadt

In Zuffenhausen hat die S62 ihre Endstation auf dem dortigen Gleis 12, auf dem auch alle Züge der S6 in Richtung Hauptbahnhof fahren müssen. Ihre Rückfahrt nach Weil der Stadt muss die S62 ebenfalls vom Gleis 12 aus antreten, denn vom ihrem Wendegleis kann sie das „ein Stockwerk höher“ liegende, reguläre Gleis gar nicht erreichen. Erst auf etwa halbem Weg bis zur nächsten Station Neuwirtshaus kann sie auf das „richtige“ Gleis in Richtung Weil der Stadt überwechseln. Durch diese Restriktionen steht der S62 ihre Rückfahrt nach Weil der Stadt auch hier nur ein sehr enger Zeitkorridor von ebenfalls nur ca. 2 Minuten zur Verfügung.
(siehe nachfolgende Abbildung 2).

S6/S62-Fahrplankonstellation Zuffenhausen

Abbildung 2: S6/S62-Fahrplankonstellation Zuffenhausen

Durch diese etwas vertrackten Konstellationen an beiden Endstationen gerät die S62 regelrecht in eine „Zwangsjacke“, die sich durch die nahezu unveränderbaren Fahrlagen der S6 und der S62 gar nicht vermeiden lässt:

Wenn die S62 in Zuffenhausen innerhalb ihres 2-Minuten-Zeitkorridors losgefahren ist, muss sie ihre Fahrt nach Weil der Stadt unbedingt in 23 Minuten bewältigen, sonst verfehlt sie ihren engen Zeitkorridor zwischen Malmsheim und Weil der Stadt. Dazu muss sie aber zwingend einige Stationen auslassen, denn bei Halt an allen Stationen bräuchte sie wie die S6 (in bereinigter Fahrzeit) 27 Minuten.

In der entgegengesetzten Fahrtrichtung der S62 Weil der Stadt → Zuffenhausen ist die Situation genau umgekehrt: Die S62 darf in Zuffenhausen nicht wie in der Gegenrichtung schon nach 23 Minuten ankommen, weil sie sonst für ihren in Zuffenhausen verfügbaren engen Zeitkorridor um 4 Minuten zu früh einträfe. So kommt es, dass der vorgesehene Fahrplan für die S62 in dieser Richtung zwangsläufig exakt die gleiche Fahrzeit wie für die S6 (mit bereinigter Fahrzeit) vorgibt. Dann bleibt aber kaum verständlich, warum die S62 an 5 Zwischenstationen einschließlich dem Knoten Renningen nicht hält und die durch entfallene Halte eingesparte Fahrzeit unterwegs vertrödeln muss.

Es wird vielen Berufstätigen, die aus Malmsheim, Renningen, Rutesheim und Höfingen in Richtung Zuffenhausen fahren müssen, kaum einleuchten, dass die S62 nun gerade sie auf dem Weg zur Arbeit nicht mitnehmen will, obwohl sie könnte. Ebenso leuchtet nicht ein, dass man in dieser Fahrtrichtung im Berufsverkehr ausgerechnet in Neuwirtshaus nicht aus der S62 aussteigen kann, wo diese Station doch gerade im Berufsverkehr besonders hoch frequentiert ist.

Hier drängt sich vor allem folgende Frage auf:

Warum sollte es nicht möglich sein, in einer Fahrtrichtung einige Stationen auszulassen, weil die Fahrplanrealität dazu zwingt, in der Gegenrichtung aber an allen Stationen zu halten, weil die Fahrplanrealität zwangsläufig die Zeit dazu vorgibt?

Angesichts dieser Erkenntnisse ist die Aufforderung an die Fahrplanverantwortlichen sicher berechtigt, den Fahrplan der S62 nochmals zu überprüfen. Die Zeit reicht ja dafür.


Übrigens ist die S62 bereits in die Fahrplanauskunft von DB und VVS (EFA) eingepflegt.
Hier der (vorläufige) Fahrplan ab 12.9.2022, wie er auf den Fahrplanbuchseiten des VVS bereits heute zur Verfügung gestellt wird.

Fahrplan S62

Fahrplan S62 ab 12.9.2022 – auf den Fahrplan klicken um ihn zu vergrößern. Quelle: VVS

Die Fahrplanbuchseiten sind auf der VVS-Webseite leider nicht ganz einfach zu finden.
Klicken Sie am Besten gleich auf den nachfolgenden ziemlich kryptischen Link
Fahrplanbuchseiten. Geben Sie in den Eingabefeldern eine Haltestelle und/oder eine Linie (in diesem Fall S62) ein. Die jeweils angeforderten Buchseiten werden dann umgehend als PDF-Datei zum Herunterladen oder Ausdrucken bereitgestellt.

7 Gedanken zu „Verstärkung zwischen Weil der Stadt und Zuffenhausen durch die S62

  1. Bahnsinniger

    Solche Verstärkerlinien sind typisch a-systematisch und man mag für die „krummen“ Fahrzeiten oder seltsamen Nicht-Halte diverse Gründe oder Argumente finden. Es geht ja ohne S62 zeitlich schon so eng zu, dass Pufferzeiten nur vereinzelt eingeplant werden können und Störungen sich schnell fortpflanzen. Die S62 wird nun dazwischen gelegt oder „geklemmt“ mit Puffer, wo möglich. Meiner Meinung nach eine weitere Verzweiflungsmaßnahme, wie die Leistungssteigerungs-Schimäre ETCS für die S-Bahn-Stammstrecke Mitnachtstraße – Schwabstraße, weil letztlich mehr Züge nur mit mehr Gleisen machbar sind. Schon Stuttgart 21 ist ein Rückbau der Schienenstruktur im Knoten Stuttgart. Umso bitterer ist es, dass nicht wenigstens ein paar gute Millionen der dafür vorgesehenen 10 Milliarden für die Ertüchtigung und den Ausbau des S-Bahn-Systems u. a. durch neue Gleise und Strecken bereitgestellt werden.

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    1. Bahnsinniger

      Ergänzung:
      Dafür wird der neue Halt Mittnachtstraße hochstilisiert als große Tat, man hätte ja auch der S-Bahn was Gutes getan. Dabei friert man im Winter beim Über-Eck-Umsteigen dort, da es eine Haltestelle im Freien ist. Die Fahrzeiten aller Linien verlängern sich durch diese und die gepriesene Fahrgast-Fahrzeitverkürzung wird von den schlechten Anschlüssen beim Übereck-Umsteigen — da die Vereinigung der beiden Hauptlinien (von Cannstatt und von Zuffenhausen her) _nach_ dem nur für jede Richtung eingleisigen Halt und nicht mit vier (oder wenigstens drei Gleisen) _vor_ ihn gelegt ist — wieder aufgefressen.

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  2. Romy

    Anstatt der S62 wäre dort eine MEX-Linie von Calw nach Stuttgart Hbf im Halbstundentakt sinnvoll. Schließlich wird doch gerade die Herrmann-Hesse-Bahn reaktiviert. Warum also nicht die Schwarzwaldbahn weiter von Maömsheim bis Weil der Stadt zweigleisig ausbauen und ab Zuffenhausen eine Weichenverbindung auf die Ferngleise zum Kopfbahnhof einbauen?
    Dann wäre auch ein vernünftigen Fahrplan, eine kürzere Gesamtfahrzeit und eine vernünftige Haltefolge der MEX-Linie möglich.

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    1. Klaus Wößner Beitragsautor

      Liebe Romy,
      natürlich wäre ein MEX von Calw nach Stuttgart eine tolle Sache. Aber leider ist das nicht einfach. Technisch zwischen Zuffenhausen und Feuerbach Weichen einzubauen, wäre wohl nicht das Problem. Betrieblich wird es dort aber sehr eng, weil ein MEX auf dem Weg nach Stuttgart zwischen die in gleicher Richtung werktags im 5-Minutentakt fahrenden S-Bahnen passen, dazuhin die ebenfalls im 5-Minutentakt entgtegenkommenden S-Bahnen niveaugleich kreuzen und sich in das ebenfalls stark befahrene Ferngleis zum Kopfbahnhof einfädeln muss. In der Gegenrichtung von Stuttgart nach Calw wird es noch etwas schwieriger. Das zeigt, dass uns hinten und vorne Gleise und kreuzungsfreie Über-/Unterführungen fehlen. Sie sagen völlig zu Recht, dass wenigstens zwischen Malmsheim und Weil der Stadt vollends zweigleisig ausgebaut werden müsste, um wenigstens einen Hauptengpass zu beseitigen.
      Was unangenehmerweise hinzukommt, sind die unterschiedlichen Einstiegshöhen von S-Bahn und den für die Hermann-Hesse-Bahn vorgesehenen Zügen. Während die S-Bahn auf 96 cm über Schienenoberkante bestiegen wird, werden es bei der Hesse-Bahn 76 oder gar nur 55 cm sein — ich merke gerade, dass ich letzteres gar nicht sicher weiß. In S-Bahn- und Hesse-Bahn-Züge könnte man also voraussichtlich gar nicht an der gleichen Bahnsteigkante ein- und aussteigen.

      Es wird noch sehr lange dauern, bis es von Calw nach Stuttgart eine umsteigefreie Zugverbindung geben wird. Dazu müssen sich zunächst der Verband Region Stuttgart und der Zweckverband Hesse-Bahn deutlich aufeinander zubewegen. Und mit dem MEX wird es leider nochmals ernstlich länger dauern.
      Viele Grüße
      Klaus Wößner

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  3. Romy

    Hallo Herr Wößner,
    für den Engpass in Zuffenhausen gibt es evtl. die Möglichkeit einen weiteren Bahnsteig neben den Bahnsteig am Gleis 12 zu bauen
    Platz dafür gibt es auf den Gleisen daneben.
    Darüber hinaus kann man das 5. Gleis von Zuffenhausen nach Feuerbach elektrifizieren und den Bahnsteig in Feuerbach verlängern.
    Dann würde man eine Express S Bahn Von Feuerbach nach Weil der Stadt einrichten und den Engpass bei Zuffenhausen teilweise beseitigen.

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    1. Klaus Wößner Beitragsautor

      Hallo Romy,
      den Platz für einen weiteren Bahnsteig hätte man zwar, aber die dann aufzuhebenden Gleise sind noch dem Güterverkehr zugeordnet und man wird sie kaum zum Umbau freigeben wollen. Auch müsste ein Zugang per Unterführung zu diesem Bahnsteig gebaut werden. Weil im Übrigen die von Ihnen angesprochene Verlängerung bis Feuerbach Gleis 130 genau die Planung des VRS ist, möchte man diesen Aufwand wohl nicht treiben. Die Verlängerung soll bis 2025 verfügbar sein und wird mit Stuttgart 21 in Verbindung gebracht. Eigentlich wäre das unabhängig von S21 realisierbar. Worauf die Verbindung beruht, hat sich mir bisher nicht erschlossen.
      Damit der Engpass aber wirklich entschärft wird, muss zwischen Feuerbach und Zuffenhausen noch eine Gleisüberleitung auf das S-Bahngleis in Richtung Leonberg geschaffen werden. Dann könnte die S62 wie die S6 auf dem Brückenbahnsteig in Zuffenhausen halten, was auch für die Fahrgäste sicherlich einfacher und klarer wäre.
      Gruß
      K. Wößner

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  4. Bjelcik

    Warum ist die S-Bahnstrecken S4 zwischen Backnang und Zuffenhausen ständig gesperrt.
    Jetzt wird es endlich mal Zeit das die Strecke fertig wird.

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