Neulackierung und Redesign für die S-Bahn?

Vor einiger Zeit hat der Verkehrsausschuss des Verbands Region Stuttgart (VRS) in einer nicht öffentlichen Sitzung über ein Redesign und eine Neulackierung der S-Bahn Stuttgart ab 2022 beraten. Dabei ging es auch um eine Änderung des Farbschemas, die schon bei den neu zu bestellenden 58 Zügen angewandt werden soll, wie die StZ berichtete.

Eine mögliche Außenlackierung im Design des Verband-Region-Stuttgart, angelehnt an die RELEX-Lackierung (© Yoshi)

Ob die S-Bahn dann wirklich in „Regionsblau“, wie oben in einer Fotomontage gezeigt, im Landesdesign oder im bisherigen verkehrsroten „Deutsche-Bahn-Mediendesign“ (DBM) unterwegs sein soll, sei einmal dahingestellt.
Für die Kunden wesentlich wichtiger als die Außenlackierung ist der Komfort und die Gestaltung der Züge.

Sieht man sich die Baureihe 430 im Vergleich zur Baureihe 423 an, gibt es aus Fahrgastsicht komfortmäßig nur wenige Unterschiede. Mit der Baureihe 430 ist man, was Raumaufteilung und Sitzplatzanordnung angeht, keine Risiken eingegangen und hat das Konzept der BR 423 weitestgehend übernommen. Und so ist die Innenausstattung bis auf wenige Änderungen, wie die insgesamt vier 2er-Sitzreihen pro Zug oder ein neues Lichtband an der Decke, auf den ersten Blick gleich wie beim Vorgänger.

aktueller Innenraum einer Baureihe 423 in Stuttgart seit dem letzten Redesign

Ob dieses Konzept nun gut oder schlecht ist, liegt im Auge des Betrachters. Einige Nachteile fallen aber schnell auf:

  • nur 2 Fahrradbereiche pro Fahrzeug
  • abgesehen von den nur spärlich genutzten Gepäckablagen an der Decke wenige Gepäckabstellflächen
  • enger Einstiegsbereich an den Türen durch „abgetrennte“ 4er-Sitzgruppen
  • fast ausschließlich 4er-Sitze anstelle von einer Mischung aus 2er-Sitzen und 4er-Sitzen
  • nur schlecht lesbare grüne Innenanzeigen in den Zügen der Baureihe 423.

Man sollte sich also bei einem Redesign die Frage stellen, ob es an diesem Konzept nicht etwas zu optimieren gäbe.

Bei einem Redesign der Baureihe 423 in Frankfurt ist man ähnlich wie in Stuttgart vorgegangen. Auch dort wurde das bisherige Innenraumkonzept übernommen, zusätzlich wurden allerdings neuen Innenraumanzeigen in LED-Technik (wie auf diesem Bild zu sehen) und neue, druckempfindliche Türtaster (hier gut zu erkennen) eingebaut.

In Köln/Rhein-Ruhr gab es bislang kein Redesign, so dass man dort noch das ursprüngliche 423er Design beobachten kann. Auch bei der dortigen Nachfolgebaureihe 422 wurde das Konzept der 423er, was den Innenraum betrifft, weitgehend übernommen.

In München hingegen hat man sich zu einem wesentlich größeren Umbau entschieden, bei dem neben dem äußeren Erscheinungsbild auch der Innenraum komplett erneuert wurde, der es ganz bestimmt wert ist, hier einmal genauer betrachtet zu werden:

Auf den Bildern gut zu erkennen ist der wesentlich geräumiger wirkende Innenraum. Dies wird vor allem dadurch erreicht, dass einigen 4er-Sitzgruppen ein Sitz „weggenommen“ wurde und sich somit der angrenzende Türbereich erheblich vergrößert hat.
Zusätzlich entstanden dadurch Ablageflächen neben dem Einzelsitz.
Die Mittelsitze sind außerdem nun ausnahmslos so montiert, dass ein Gepäckstück unter dem Sitz deponiert werden kann und so nicht mehr andere Sitze oder den Gang blockiert. Auch die neue Gepäckablage ist in München deutlich größer als die Stuttgarter Variante, dafür jedoch nicht mehr über jedem Sitz angebracht, was angesichts der nur spärlichen Nutzung verschmerzbar erscheint.

Völlig neu ist für die Baureihe 423 das Lichtkonzept, das nun mit seinen seitlich angebrachten Akzentleuchten und dem Lichtband an der Decke eher der Baureihe 430 als der bisherigen Baureihe 423 entspricht. Die neuen Informationsbildschirme sind wesentlich größer als in den in anderen Städten eingesetzten S-Bahn Zügen und im Gegensatz zu Stuttgart und Frankfurt zentral an der Decke angebracht.

Besonders positiv sind allerdings die mehrfarbigen Warnlichtbänder an den Türen hervorzuheben. Bei aktivierter Türfreigabe leuchten diese grün, nach Rücknahme der Türfreigabe rot (bei schließender Tür rot blinkend) und während der Fahrt sind sie ausgeschaltet.
Dieses intuitive System könnte auch in Stuttgart den Ein- und Ausstiegsprozess sicherlich beschleunigen.
Dies ist, wenn man sich die aktuell wesentlich besseren Pünktlichkeitswerte bei etwas über 50%-iger Auslastung wegen der Corona-Pandemie anschaut, auch nötig, denn nicht erst jetzt muss Verantwortlichen aber auch Fahrgästen bewusst sein, dass letztere massiv zu Verspätungen beitragen.

Außen hat sich hingegen bei den Zügen wenig verändert. Weiterhin fahren sie im typischen Verkehrsrot durch die Region München, jedoch nun mit etwas größeren Piktogrammen für Fahrrad- und Rollstuhlfahrer an der vordersten und hintersten Türe.

All diese Verbesserungen funktionierten natürlich nicht ohne Einbußen auf anderer Seite:
Die Sitzplatzanzahl sinkt in den modernisierten Zügen um 26 Plätze auf 166, die Stehplatzanzahl erhöht sich aufgrund der vergrößerten Einstiegsbereiche von 352 auf 446 Plätze.

Wenn man allerdings bedenkt, dass die durchschnittliche Fahrdauer laut der Uni-Wien im öffentlichen Nahverkehr nur rund 10 Minuten beträgt, ist die leicht verringerte Anzahl an Sitzplätzen in der S-Bahn wohl zu verschmerzen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass:

  • die Anzahl der großen Fahrradstellplätze gleich geblieben ist, aber durch die massiv vergrößerten Türbereiche nun auch in der Mitte der Fahrzeuge Fahrräder wesentlich besser mitgenommen werden können.
  • sich die Größe und Anzahl der Gepäckablageflächen massiv verbessert hat.
  • sich die Einstiegsbereiche vergrößert haben.
  • die kleinen schlechter lesbaren Innenanzeigen durch große Bildschirme ersetzt wurden.

Wäre dieses Redesign also auch etwas für Stuttgart?

Auf jeden Fall sollte man darüber nachdenken, zumindest Teile des Münchener Konzeptes zu übernehmen, sollte man nach nur weniger als 10 Jahren schon wieder ein Redesign der Baureihe 423 und der Baureihe 430 planen.
Ob dies überhaupt nötig ist, sei dahingestellt.
Eine reine Neulackierung, womöglich in einer aufwändigen, teuren Lackierung, die nicht dem Standard (der DB oder des Landesdesigns) entspricht, bringt den Fahrgästen auf jeden Fall nur wenig.

Ganz pragmatisch gesehen bringt das derzeitige Verkehrsrot und die Innenausstattung im DBM-Design auch einige Vorteile:

  • eine standartisierte Innenausstattung der Züge in fast allen S-Bahn Netzen der DB-Regio bringt finanzielle und logistische Vorteile in Betrieb und Wartung.
  • die Züge können bei Bedarf einfacher und ohne große Designänderungen an andere S-Bahn Netze verliehen werden, wie kürzlich bei der S-Bahn München geschehen, wo nun 425er aus Frankfurt und 420er aus Stuttgart verkehren. Nach unserem Wissensstand ist ein Verleihen der Stuttgarter 430er problematisch, weil die verschiedenen Lieferlose steuerungsmäßig (Kupplungen!) nicht kompatibel seien.
  • eine einheitliche Flotte bei S-Bahn Fahrzeugen erhöht den Wiedererkennungswert vor allem bei auswärtigen Fahrgästen. Eine unterschiedliche Lackierung für jeden Zugtyp in jeder Region ist eher verwirrend.

Nicht umsonst hat sich die S-Bahn Berlin dazu entschieden, ihre neuen Ringbahntriebwagen anders als bisher mit einer DBM-Innenausstattung zu bestellen und die bisherigen Züge der BR 481 beim anstehenden Redesign mit diesem Design auszustatten.

3 Gedanken zu „Neulackierung und Redesign für die S-Bahn?

  1. Frieder

    Ich nutze die oberen Ablagen oft. Ich finde das ein schmerzlicher Verlust.
    Die Gepackablagen auf den Boden, würde ich für meine Taschen nie nutzen, weil der Boden meist zu versifft ist. Ausser für Rollkoffer finde ich diese wertlos. Der Verlust des 4.Sitzes finde ich schmerzlich, ich finde die 4er-Gruppen gut. Bei der Stadtbahn fällt nur ein Sitz auf etliche Sitzreihen weg, das ist in Ordnung, bei der S-Bahn finde ich das zuviel.

    Ausser man sieht es als Eingeständnis, daß man in Zukunft noch „wirtschaftlich optimalere“ Beförderung will, sprich noch mehr Menschen in die Züge zu drängen.

    Antworten
    1. Hosea Winter Beitragsautor

      Guten Abend,

      ich stimme zu, dass Gepäckablagen über den Sitzen prinzipell praktisch und wichtig sind. Allerdings zeigt meine Erfahrung, dass diese extrem selten genutzt werden und Taschen, Koffer oder andere Gepäckstücke stattdessen sehr oft auf den Nachbarsitz gestellt werden, der dann blockiert ist.
      Meiner Meinung nach reichen die nach dem Münchner Umbau verbleibenden Gepäckablagen bei ca. 2/5 der Sitzgruppen aus, um die noch vorhandene Nachfrage nach Stauraum über den Sitzen zu decken.
      Der Wegfall des 4. Sitzes hätte dann den Vorteil, dass an dieser Stelle das Gepäck gelagert werden könnte und der Gang nicht mehr damit blockiert wäre.
      Die Sitzaufteilung bei der Stadtbahn ist insofern anders, dass es pro Sitz bei diesen Fahrzeugen wesentlich weniger Türen und damit mehr „Mittelsitze“ gibt. Aufgrund der geringeren Beförderungskapazität z.B. eines DT-8 (Stadtbahn Triebwagen in Stuttgart) ist dieser mit einer S-Bahn nur bedingt vergleichbar, auch wenn ich nachvollziehen kann, dass die 4er-Plätze im DT-8 einige Vorteile haben. Was die Haltezeiten betrifft finde ich den DT-8 übrigens überhaupt kein Musterbeispiel: trotz wesentlich geringeren Fahrgastwechsels an den Innenstadtstationen als bei der S-Bahn dauert der Ein- und Ausstieg bei der Stadtbahn lange, obwohl die technisch bedingten Türöffnungs- und Türschließzeiten viel kürzer sind, was auch der Tatsache geschuldet ist, dass nach der BOStrab eine andere, schnellere Türsteuerung erlaubt ist.
      Bei der S-Bahn ist es auch auffallend, dass die 4er-Sitze nur sehr selten mit 4 Personen belegt sind, sondern meistens einige Fahrgäste im Gang und Türbereich stehen, obwohl es noch Sitzplätze gäbe. Dies führt wiederum zu längeren Ein- und Ausstiegszeiten und so vor allem im Stammtunnel zu erheblichen Verspätungen.
      Ich denke, dass bei einem solchen Umbau nicht die Wirtschaftlichkeit, sondern vor allem die Verspätungsreduzierung ausschlaggebend war.

      Freundliche Grüße,
      Hosea vom S-Bahn-Chaos Team

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      1. Frieder

        Solange die S-Bahn eher leer ist, stelle ich meine Tasche auch auf den Nebensitz. Ist einfach praktischer, man hat besseren Zugriff. Wenn sie sich dann füllt, stelle ich meine Tasche nach oben. Aber Nie, gar Nie würde ich sie auf den Boden stellen! Boden ist einfach zu dreckig.
        Super Clever dann, wenn eine Tasche die zuerst auf dem Boden stand, deren Boden dort schön schmutzig geworden ist, nach dem Unsteigen in eine leere Bahn dann auf den Nachbarsitz gestellt wird, und diesen dann verschmutzt … Super, Super für den nächsten Fahrgast.

        Die Fahrgäste , die sich trotz freien Sitzplätzen nicht hinsetzen, sind meist diejenigen, die nur wenige Stationen fahren, deren Verhalten wird sich kaum beeinflussen lassen. Ich stelle den DT-8 nicht als Vorbild hin, nur das Verhältnis 3-er zu 4-er Sitzgruppen.
        Komplette Umstellung au 3-er Sitzgruppen ist ein Verlust an Reisequalität für Mehrzahl der Reisenden.

        Um auf kurze Fahrgastwechselzeiten zu kommen, gibt es aus Fahrgast Sicht nur eine erstrebenswerte Option: Ausreichendes Zugangebot, so daß Überfüllungen die Ausnahme und nicht das normale sind.

        Aber hey… macht doch weiter So, DB-Netz ist ja eh der Ansicht, sie kann auf die Leidensfähigkeit ihrer Kunden zählen… ja ich nehme dann auch wieder das Auto, obwohl man von fahren hier auf den Straßen der Region ja nicht mehr reden kann, nur noch von Rollen. Wenn ÖPNV aber weiter so verschlechtert wird, dann knallen eben wieder die Sektkorken bei der Autolobby.

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