Brief an die Bundestagsabgeordneten der Region Stuttgart

In unserem kürzlich veröffentlichten Beitrag S-Bahnnetz Stuttgart im technischen Notstand? haben wir dazu aufgerufen, die Bundestagsabgeordneten aus unserer Region auf den Missstand – wir nannten es Notstand – der Stuttgarter S-Bahn anzusprechen und sie zum Engagement in dieser Sache aufzufordern. Das war auch Anlass für uns, einen Brief an diese Bundestagsabgeordneten zu senden. Eine Antwort kam bereits. Und sie deutet darauf hin, dass das Bundesverkehrsministerium mit dem Thema Infrastruktur der Deutschen Bahn in der Tat nicht gut umgeht.

Hier der Inhalt unseres Briefes von 09. September 2016:

Die Stuttgarter S-Bahn braucht Ihre Unterstützung

Vor Jahren haben wir unseren Internet-Auftritt S-Bahn-Chaos.de ins Leben gerufen, als Pünktlich­keit und Ausfallsicherheit der Stuttgarter S-Bahn Monat für Monat schlechter wurden. In diesem Auftritt kritisieren wir vieles und heftig. Auf der anderen Seite stellen wir für die S-Bahnreisenden zeit­nahe Informationen z. B. über Störungen zur Verfügung, die es vorher so nicht gab. Wir arbeiten ehrenamt­lich und sind an keine Weisungen gebunden.

Nachdem bei der Stuttgarter S-Bahn manche Besserung eingetreten war, wurden wir immer wieder ob des provokativen Titels unseres Internetauftritts kritisiert. Heute müssen wir sagen, dass die Realität – und auch der Blick in die unmittelbare Zukunft – den Titel leider rechtfer­tigen und eine sehr große Zahl von S-Bahnreisen­den dies auch so empfindet. Die Chrono­logie der Störungen der letzten Monate deutet einmal mehr darauf hin, dass das Stutt­garter S-Bahnnetz — nicht von den im Einsatz befindlichen tech­nischen Systemen her, wohl aber in deren Zustand und Qualität – heftig in die Jahre gekommen ist. Wir sprechen hier von den technischen Anlagen und Haltepunkten, die im Verant­wortungsbereich der DB Netz AG liegen, einer Gesellschaft im Eigentum der Bundesrepublik Deutsch­land. Das Grundgesetz ordnet dem Bund eine Gewährleistungspflicht für das Eisenbahnschienennetz zu. Wer auch sonst sollte für diese eminent wichtige bundesweite Aufgabe geeignet sein?

Fahrpersonal, Disponenten und Techniker der S-Bahn strengen sich sehr an, einen guten Job zu machen. Auch in der DB Netz AG geben sich die Mitarbeiter sehr viel Mühe, um das Beste aus der Situation zu machen. Alle diese Eisenbahner verdienen Unterstützung und brauchen sie dringend. Ihre Motivation und Einsatzbereitschaft müssen erhalten und geför­dert werden, denn sie sind der Schlüssel für die erfolgreiche Umsetzung der notwendigen Ver­besserun­gen.

Hat die „hohe Politik“ wirklich erkannt, dass ein leistungsfähiges und stabiles Eisenbahnnetz – gerade auch für den Nahver­kehr in Ballungs­zentren – schlicht zur Daseinsvorsorge der öffentlichen Hand für eine funktio­nie­rende Wirtschaft und Gesellschaft gehört? Wir leben im Raum Stuttgart derzeit mit fast täglichen Ausfällen, Betriebsunterbrechungen und Notbetriebsmaßnahmen im S-Bahnverkehr. Falls nicht substanzielle Modernisierungen und Verbesserungen eingeleitet werden, sehen wir die Stuttgarter S-Bahn in keine erfreuliche Zukunft fahren. Wenn tägliche S-Bahnreisende die Geduld verlie­ren sollten und wieder aufs eigene Auto umsteigen, werden wir besonders im Raum Stuttgart einen herben Rückschlag bei der überlebenswichtigen Reduktion von Lärm, Abga­sen und Fein­staub erleiden.

Wir haben den Eindruck, dass man in Berlin und hier voran im Verkehrs­ministerium des Bundes das Problempotenzial massiv unterschätzt oder bagatellisiert. Daher möchten wir Sie eindringlich bitten, diese grundsätzliche Problematik im Bundestag verstärkt anzugehen, bei den zuständigen Stellen vorstellig zu werden und Konzepte und deren rasche Realisie­rung sowie die dafür notwen­digen Finanzmit­tel mit Nachdruck einzufordern.

Dieses Schreiben versenden wir an alle Abgeordneten des Deutschen Bundestages aus dem Einsatzbereich der Stuttgarter S-Bahn.

Wir stehen Ihnen jederzeit für Rückfragen und Informationen zur Verfügung und werden Sie in Ihrem Bemühen für eine gute Zukunft unserer Stuttgarter S-Bahn gerne unterstützen.

Mit freundlichen Grüßen

6 Gedanken zu „Brief an die Bundestagsabgeordneten der Region Stuttgart

  1. Markus O. Robold

    Ein sehr guter Artikel, bitte leiten Sie den Artikel auch den Zeitungen und übrigen Medien in der Region Stuttgart weiter, verbunden mit der Bitte, mal bei den entsprechenden Bundestagsabgeordneten nachzuhaken und die passenden Fragen zu stellen:

    Was tut/unser Bundestagsabgeordneter konkret für den Ausbau und den Erhalt der Eisenbahninfrastruktur?
    Welche konkreten Anfragen/Reden hat er zu diesem Thema in den letzten Monaten seiner Amtszeit eingebracht?
    Will er sich künftig engagieren? Was steht dazu in seinem Wahlprogramm?

    Wenn der Kesseldruck Richtung Bund, DB Netz und DB Station&Service nicht deutlich steigt, wird sich am Zustand der Infrastruktur der S-Bahn Stuttgart sicher nichts ändern.

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  2. Andrea

    Die Meldung von heute, 20.09.2016 ist nun wirklich die Krönung: „Wegen erhöhtem Fahrgastaufkommen kommt es bei den Linien S1, S2, S3, S4, S5, S6 und S60 zu Verspätungen.“

    Anderswo nennt man das „Berufsverkehr“. Hat in diesem Zusammenhang schon einmal jemand darüber nachgedacht was passiert, wenn die angedrohten Fahrverbote wegen Feinstaubs in der Stuttgarter City Wirklichkeit werden sollten? Wenn es also wirklich zu einem „erhöhten Fahrgastaufkommen“ käme?

    Wie kann man so tun als wüsste man nicht, dass hier dringend Lösungen gefunden werden müssen?

    Da ist „S-Bahn-Chaos“ als Titel ja gerade noch geschmeichelt.

    Vielen Dank dafür!

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    1. Konrad

      Ohne das zu beschönigen, aber der gestrige Punkt geht an die Deutsche Fußball-Liga, die den VfB unbedingt in der HVZ spielen lassen musste. Hätte ich mir als Ordnungsbehörde nicht bieten lassen. Wird also Zeit, dass der VfB wieder aufsteigt 🙂

      Grüße!

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      1. Andrea

        Das habe ich dann hinterher auch gelesen (Fußball ist eher nicht mein Thema) 🙂

        Aber zurückkommend auf die Fahrverbote: Ist der Anteil der Stadionbesucher, die mit der S-Bahn anreisen größer oder kleiner als der Anteil der von einem Fahrverbot potenziell betroffenen Autofahrer?

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    2. Uwe

      das ist schon das zweite mal in den letzten Wochen, dass ich diese Störungsmeldung lese. Hat mich aber auch schon beim ersten Mal fast vom Hocker gehauen.

      Vielleicht sollte man mal drüber nachdenken im Berufsverkehr ein paar Langzüge mehr einzusetzen, anstatt die Waggons einfach immer mehr vollzupferchen, bis gar nix mehr geht.

      Aber ich vergass. Die Bahn ist ja der einzige Betrieb, der bei hohem Arbeitsanfall einfach mal die Kapazitäten halbiert. Die Fahrgäste verkrümeln sich ja irgendwie von alleine und am nächsten Tag geht es dann wieder von vorne los.

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      1. Markus O. Robold

        Während dem Berufsverkehr sind alle Fahrzeuge, die verfügbar sind, im Einsatz.

        Für die Beschaffung der Züge ist der Besteller als Aufgabenträger verantwortlich. Ein Zug kostet zwischen 7 und 8 Mio. EUR, will heißen, wenn man beispielsweise aus 6 Vollzügen 6 Langzüge machen will, kann man mal kurzerhand 45 Mio. EUR in die Hand nehmen plus laufende Kosten für Instandhaltung, Abstellung und Energieverbrauch.

        Wenn die kapitalistische DFL zu blöd ist, die Termine richtig zu koordinieren, ist das nicht das Problem des örtlichen Verkehrsbetriebes. Bzw. die DFL ist gar nicht blöd, sondern sehr schlau, da diese genau weiß, wie am meisten Kohle zu machen ist.

        Dumm nur, dass die örtlichen Verantwortlichen – die das genehmigen – keinen Arsch in der Hose aber, damit derartiges kumulieren von Verkehrsspitzen verhindert wird. Natürlich könnte das Ordnungsamt und die Sicherheitskräfte derartige Spielansetzungen verhindern: wenn man will.

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