Gründe für die historisch schlechte Pünktlichkeit

Seit Jahren sinkt die Pünktlichkeit der S-Bahn Stuttgart kontinuierlich und hat mittlerweile einen historischen Tiefststand erreicht. Die bei den seit 2013 jährlich durchgeführten, sogenannten S-Bahngipfeln beschlossenen und dann umgesetzten Maßnahmen hatten nur in der Anfangszeit (2015-2016) für eine messbare Verbesserung der Pünktlichkeit gesorgt. Seit dem Jahr 2017 kennt die Kurve aber nur noch eine Richtung: bergab. Doch was sind die Gründe dafür?

Entwicklung der Pünktlichkeit 2013-2020

Entwicklung der Pünktlichkeit 2013-2020

Hinweise zum Diagramm einblenden

Das Diagramm zeigt nicht die von der S-Bahn Stuttgart veröffentlichten monatlichen Pünktlichkeitswerte, sondern Mittelwerte aus diesen Zahlen über Zeiträume von jeweils 12 Monaten. Dieser gleitende Mittelwert filtert somit die Charakteristik der einzelnen Monate heraus, weil jeder Punkt der Kurve immer für ein komplettes Jahr steht. Die Kurve verläuft deshalb glatter und Veränderungen erfolgen langsamer. Tendenzen bei der Pünktlichkeit sind dadurch besser ablesbar.
Wie man sieht verlaufen die Kurven der 3-Minuten-Pünktlichkeit und der 6-Minuten-Pünktlichkeit sehr ähnlich, obwohl die 3-Minuten-Pünktlichkeit stärkere Ausschläge zeigt. Die beiden Kurven sind hierzu jeweils mit einer eigenen Skalierung auf der Y-Achse versehen, für die 3-Minuten-Pünktlichkeit links (grün) und für die 6-Minuten-Pünktlichkeit rechts (blau).

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Schon lange investiert der Infrastrukturbetreiber DB-Netz Jahr für Jahr beträchtliche Summen, um beispielsweise sein Gleis-, Weichen-, Signal- oder Stellwerksnetz am Laufen zu halten und zu modernisieren. So gibt es beispielsweise die 2017 eingeführten 35 Instandhaltungsfenster pro Jahr zur Durchführung notwendiger Wartungsarbeiten im Stammstreckentunnel weiterhin.

Zwar führen Baustellen und Erneuerungen wohl längerfristig zu einer Verbesserung der Pünktlichkeit und zur Stabilisierung des Betriebs – kurzfristig haben sie aber negative Auswirkungen auf die Pünktlichkeit. Gerade in den letzten zwei Jahren haben „große“ Bauarbeiten mit weitreichenden Einschränkungen für die S-Bahn zugenommen, man denke einerseits an die wochenlangen Sperrungen der Stammstrecke wegen der Rampenerneuerung am Hauptbahnhof oder Weichenerneuerungen in Vaihingen, andererseits auch an die durch Bauarbeiten hervorgerufenen Großstörungen, wie z.B. die Signalstörung am Hauptbahnhof im September letzten Jahres, den Betrieb stark einschränkte, oder die Stellwerkstörung nach Modernisierungsarbeiten in Waiblingen, die den Fahrplan ebenfalls tagelang durcheinander brachte.

Der wesentlichste Grund für die abnehmende Pünktlichkeit ist aber sicherlich die seit Ende 2017 schrittweise erhöhte Anzahl der täglichen Fahrten im Netz der S-Bahn Stuttgart. Einerseits findet seitdem in mehreren Stufen eine Fahrplan-Taktverdichtung bei der S-Bahn statt, die S-Bahn ab Dezember 2020 tagsüber durchgehend im 15-Minutentakt zum Ziel hat. Außerdem hat der Mischverkehr durch den massiven Ausbau des Regionalverkehrs auf den Außenästen zugenommen. So gibt es nun auf Rems-, Murr- und Gäubahn nun fast doppelt so viele Regional/Fernzugfahrten, wie noch 2016.

Aktuell hat die S-Bahn Stuttgart nur noch von 10:00 bis 12:00 Uhr eine zweistündige Erholungspause, um Verspätungen vom Vormittag aufzuholen oder anderweitig auszugleichen. Diese letzte „Verschnaufpause“ wird nach derzeitiger Planung ab Dezember 2020 entfallen.

Entwicklung des 15-Minuten-Takts

Entwicklung des 15-Minuten-Takts, entnommen aus S-Bahn Magazin Winter 2019/2020 (PDF | 3,8 MB)

Während des 15-Minuten-Takts gibt es im Stammstreckentunnel zwischen Stuttgart Schwabstraße und Hauptbahnhof (tief) keine Möglichkeit, Verspätungen abzubauen. Dafür ist der Takt (pro Richtung alle 150 Sekunden ein Zug) einfach zu dicht und keine Zeitpuffer vorhanden. Züge, die verspätet in diesen Abschnitt einfahren, übertragen dort ihre Verspätung auf Züge anderer Linien und bringen unausweichlich den Fahrplan durcheinander. Größere Störungen im Tunnel haben katastrophale Auswirkungen auf den Fahrplan der S-Bahn und führen sehr oft bis zum Ende der Hauptverkehrszeit zu einem 30-Minuten-Takt auf allen Linien.

Die früher sehr störanfälligen Schiebetritte der Züge der Baureihe 430, die damals die Haltezeit pro Station um rund 8s verlängern, werden seit deren Optimierung noch nicht generell ausgefahren und wirken sich deshalb bislang nur moderat negativ auf die Pünktlichkeit aus. Das könnte sich ändern, wenn sie bei allen Zügen dieser Baureihe wieder zum Einsatz kommen.

Festzuhalten ist aber auch, dass die Zahl der Verspätungen und Ausfälle, die die DB-Regio zu verschulden hat, also beispielsweise Fahrzeugstörungen, Personalengpässe, zu kurze Wendezeiten etc., abgenommen hat. Dies ist insofern erfreulich, als dies Störungen sind, die in den Verantwortungsbereich der S-Bahn Stuttgart und damit auch in den des Auftraggebers VRS fallen. Die Störungen an der Infrastruktur und die Baustellen hingegen sind hauptsächlich von DB-Netz verschuldet, die dem Bund gehört auf die vor allem das Bundesverkehrsministerium und nicht der VRS Einfluss hat.
Äußere Einflüsse, wie Unwetter, Personen im Gleis oder Notarzteinsätze, sind ja bekanntlich nur schwer zu verringern oder zu vermeiden.

Es ist leider davon auszugehen, dass der kommende, durchgängige 15-Minuten-Takt von 6:00 bis 20:30 Uhr zu einer weiteren Verschlechterung der Pünktlichkeit führen wird. Ob sich die Verlängerung des Stammstreckentunnels durch die zusätzliche S-Bahn Station Mittnachtstraße in ein paar Jahren eher positiv oder negativ auswirken wird, muss die Zukunft zeigen. Positive Effekte auf die Pünktlichkeit könnte in Zukunft die Einführung von ETCS haben, sofern es wie versprochen funktioniert und seine positiven Effekte dann nicht gleich wieder durch eine weitere Taktverdichtung bzw. Linienverlängerung zunichte gemacht werden. Hier kann man wohl nur auf die Vernunft der Entscheidungsträger beim Verband Region Stuttgart (VRS) hoffen.

Noch eine letzte Anmerkung zum Schluss:
Im Diagramm oben fehlen die Pünktlichkeitswerte vom März 2020, die wenig überraschend recht gut aussehen. Dies ist keine böse Absicht, sondern der Tatsache geschuldet, dass wegen der Corona-Krise im März wesentlich weniger Fahrgäste mit der S-Bahn gefahren sind und wochentags teilweise ganztägig ein 30-Minutentakt gefahren wurde. In einem solchen Krisenmodus sind die Pünktlichkeitswerte natürlich besser und mit normalen Zeiten nicht vergleichbar.

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