S-Bahn nach Filderstadt ein Jahr gekappt!

Die politische Aussage, die S-Bahn würde von der Stuttgart 21-Baustelle überhaupt nichts mitbekommen, konnten eigentlich nur diejenigen glauben, die das Denken ausgeschaltet haben. So gehen unter anderem die zahlreichen Rampensperrungen und Bauarbeiten z.B. in Feuerbach mit gravierenden Einschränkungen auf das Konto des Milliardenprojektes.

Und auch darüber, dass die wichtigste S-Bahn-Umleitungsstrecke von Hauptbahnhof (oben) über die Panoramastrecke nach Vaihingen bereits kurz vor der geplanten Inbetriebnahme von Stuttgart 21 gekappt wird und dass die Regional- und Fernzüge von der Gäubahn nach Stuttgart Hbf aus heutiger Sicht mindestens drei Jahre lang bereits in Stuttgart-Vaihingen enden und damit die sowieso schon vollen S-Bahn Linien S1-S3 zusätzlich belasten werden, haben wir schon berichtet.

Was aber in den letzten Monaten bekanntgegeben wurde, nämlich dass der Bahnhof Flughafen/Messe und der wichtige Verkehrsknotenpunkt Filderstadt-Bernhausen aufgrund der Bauarbeiten für den neuen Flughafen-Terminalbahnhof (3. Gleis genannt) für die Züge aus Singen/Horb für ein ganzes Jahr vom S-Bahn Verkehr abgeschnitten werden soll, hat nochmal eine ganz andere Dimension.

Denn die vom Autoverkehr geplagte Filderregion hat als einzige ÖPNV-Anbindung an das Stuttgarter Stadtzentrum die S-Bahn, nachdem seit den 90er und 00er Jahren alle Regionalbusse nicht mehr zum Hauptbahnhof, sondern nur noch zur nächstliegenden S-Bahn Haltestelle — sehr wenige noch bis Degerloch — geführt werden. Das hat zur Folge, dass die allermeisten Fahrgäste aus dem Umland mit dem Bus nur bis zu den Knotenpunkten Filderstadt-Bernhausen, Flughafen/Messe oder Echterdingen fahren können und dann auf die S-Bahn umsteigen müssen.

Von den Fahrgästen zum Flughafen ganz abgesehen ist das eine enorme Einschränkung für viele Pendler aus dem Filderraum nach Stuttgart. Genau diese möchte man doch eigentlich zum Umsteigen vom Auto auf die Bahn bewegen. Dass die S-Bahn-Anbindung an Neuhausen erst Ende 2022 fertiggestellt werden soll, ist dann auch gar nicht mehr so schlimm, denn keiner der Fahrgäste würde erst mit der S-Bahn von Neuhausen nach Filderstadt-Bernhausen fahren und von dort den Bus nach Echterdingen nehmen, um dann wieder in die S-Bahn Richtung Stadtmitte umzusteigen. Und auch interessant ist, dass der Verband Region Stuttgart die Strecke wohl nicht allzu wichtig nimmt. Denn in dem fast milliardenschweren S-Bahn Paket, das vor kurzem beschlossen wurde, soll die Strecke nach Flughafen und Filderstadt die einzige sein, die, bei der es technisch machbar wäre, nach den vorgestellten Planungen keinen durchgehenden 15-Minuten Takt bekommen soll.

Bei den „Tagen der offenen Baustelle 2019″ wurde hingegen am S-Bahn Stand erklärt, dass die Linie S2 zukünftig alle 15 Minuten bis Filderstadt fahren und die S3 stattdessen immer in Vaihingen enden soll, was aus dem krummen 10-/20- Minuten Takt zum Flughafen einen geraden 15-Minuten Takt machen würde. Beim VRS ist in diese Richtung aber nichts zu hören, schließlich wurde nicht ohne Grund beschlossen, dass S2 und S3 zum Flughafen fahren sollen.

Eine abfahrbereite S2 nach Filderstadt steht am Bahnhof Cannstatt. Diese wichtige Verbinfung in den Filderraum könnte für ein Jahr gekappt werden.

Derzeit ist geplant, die S-Bahnen der Linie S2 und S3 in Echterdingen enden zu lassen und einen Schienenersatzverkehr mit Bussen zwischen Echterdingen, Flughafen und Filderstadt-Bernhausen einzurichten. Doch wie das gehen soll, ist noch völlig unklar. Vor allem die Bahnen Richtung Filderstadt sind in der Hauptverkehrszeit oft sehr voll, obwohl viele schon als Langzüge verkehren, in die rechnerisch etwa 1000 Menschen passen. Ein Gelenkbus bietet maximal etwa 50 Sitzplätze, wenn Busse mit Überlandbestuhlung eingesetzt werden. Dazu kommen noch, sehr optimistisch gerechnet, etwa 40 bei den Bus-Fahrgästen sehr unbeliebte Stehplätze. Eine Auslastung eines Gelenkbusses mit etwa 80-100 Fahrgästen ist aber alles andere als angenehm – ganz im Gegenteil: Sie würde Menschen eher abhalten, den öffentlichen Verkehr zu nutzen! Selbst wenn extra für Überlandfahrten optimierte 15-Meter lange Hochflurbusse eingesetzt würden, käme man auch nur auf ca. 70 Sitzplätze, dafür aber so gut wie keine Stehplätze. Das ergibt beim aktuellen Fahrplan 20 Busse pro Stunde und Richtung allein zwischen Echterdingen und Filderstadt-Bernhausen.

Zwischen Flughafen/Messe und Stuttgart soll man dann die hoffentlich bis dahin fertiggestellte U6 zur Fahrt in die Stadt benutzen, wobei die SSB hier berechtigte Sorgen hat, denn wenn die Stadtbahnen schon voll aus der Filderregion z.B. in Möhringen kommen, können sie in der Stadt keine weiteren Fahrgäste mehr aufnehmen. Die U6, die schon heute mit 80 Meter langen Zügen im 10 Minuten Takt fährt, kann nicht weiter verdichtet oder verlängert werden. Die SSB müsste ihr Angebot erhöhen, mindestens z. B. durch eine Verdichtung des U5-Taktes zwischen Leinfelden und Killesberg von 20 auf 10 Minuten.

Mittlerweile haben auch die Bürger und Politiker der Filderregion die Probleme erkannt. Nun formiert sich langsam Widerstand, auch wenn sich jetzt schon abzeichnet, dass die Sperrung kommen wird, denn die Alternative wären laut Bahn bis zu 500 (!) einzelne „Sperrpausen„. Betroffene hoffen, dass wenigstens die Kompromisslösung mit einem provisorischen Bahnhof 300 Meter vor dem Flughafen umgesetzt wird, wobei wir ausdrücklich sagen, dass dies aus Fahrgastsicht weder eine zufriedenstellende, noch eine kostengünstige Lösung ist. Denn alleine der provisorische Bahnhof würde sicherlich sehr viel Geld kosten, von den Kosten für den endgültigen Flughafen-Terminalbahnhof ganz abgesehen. Allerdings könnten sich die Flugreisenden so schon allmählich auf den weiten Weg vom Flughafen-Fernbahnhof zum Terminal gewöhnen.

Jetzt liegt es auch am Land und den Kommunen, weiter Druck auf die Bahn auszuüben, die Sperrung so „fahrgastfreundlich“ wie möglich zu machen und die Auswirkungen so gering wie möglich zu halten.

5 Gedanken zu „S-Bahn nach Filderstadt ein Jahr gekappt!

  1. Klaudia

    Man darf gespannt sein, wie viele Jahre die einjährige Streckensperrung dann tatsächlich dauern wird…

    Wenn man da an die jahrelangen Stadtbahnstreckensperrungen am Stuttgarter Hauptbahnhof denkt.

    Die sollten doch angeblich auch nur ein paar Wochen dauern, wenn ich mich recht erinnere.

    Die Leute auf den Fildern können einem echt leid tun.

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  2. S-Bahn-Nutzer

    Eine S-Bahn stillzulegen ist das beste Mittel Kunden loszuwerden.
    Evtl werde ich mich nach Alternativen umsehen, wenns soweit ist. Ist die Busverbindung zu „langsam“ wird noch mehr Zeit fürs „zur Arbeit kommen“ benötigt. Ich schätze mit dem zusätzlichen Umsteigen und Wartezeit verdoppelt sich für mich die tägliche Reisezeit – so wird das eigene Auto zur Alternative – dann wieder gern genutzt.
    Wird es direkte Busverbindungen geben von Bernhausen nach Echterdingen?

    An dieser Stelle ein großes Lob an die Bahn (auch wenns das falsche Forum hierfür ist) für die neuen, deutlich leiseren Busse der neuen 8hunderter Linien über die Filder. Die alten Ringbusse waren eine Zumutung für die Ohren jedes Bewohners an dessen Wohnung der Bus mehrmals stündlich vorbei fährt.

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  3. Pendler

    Und demnächst wird uns unterbreitet, dass die Bahn bereits ab Vaihingen stillgelegt werden muss weil man in Echterdingen nicht wenden kann…. nur so ein bisschen orakeln..
    Bin gespannt was da noch auf uns zu kommt..

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    1. Stromabnehmer

      Gar nicht mal so weit hergeholt. Echterdingen ist nur ein Haltepunkt und zwischen Rohr und Echterdingen gibt es keine Weiche zum Gleiswechsel….

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      1. Hosea Winter Beitragsautor

        Bei den Tagen der offenen Baustelle im Januar 2019 sagte ein Mitarbeiter bei den Plakaten für die S-Bahn, dass ein mögliches Konzept wäre, die S3 in Vaihingen enden zu lassen und die S2 dafür im 15-minuten Takt nach Filderstadt, also in der Bauphase nach Echterdingen, fahren zu lassen. Dies hätte aber u.a. zur Folge, dass Stuttgart-Rohr seinen gleichmäßigen 10-Minuten Takt verlieren könnte. Inwiefern die Aussagen sich schon auf konkrete Planungen beziehen, kann ich aber nicht sagen.

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